Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VOLKSBANK OHNE VOLKSGNÜGEN

Die Volksbank und ihre Einflussnahme auf die Presse durch Aktienvergabe in der Steindelgaffe

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 1. September 1869 · Seite 5 · #Volksbank
(Die „ Volks - Bank ",) deren Aktien soeben an der Börse erschienen sind, ist keineswegs, wie der Titel vermuthen lassen könnte, ein auf Humanitären Grundsätzen beruhendes Unternehmen. Der Titel „ Volksbank " ist bloßer Fir, lefanz; die Bank könnte eben so gut Gemeinderath oder Baumwollspinnner- Bank heißen. Die „ Volksbank " will Geld verdienen, daß ist Alles. Sie berechnet z. B. für ein Pfanddarlehen nebst den landesüblichen Zinsen noch 3 Perzent Aufnahmsgebühr, 3 Perzent Schätzgebühr und 3 Perzent AufbewahrungS und Affekuranzgebühr, zusammen also jährlich neun Perzent bloß an Nebengebühren ohne die Interessen, — das ist nichts weniger als volkSthümlich! Auf der andern Seite ist die „ Volksbank " wieder sehr nobel! Sie hat der Journalistik eine sehr beträchtliche Summe an Aktien gewidmet, welche in dem bekannten Hause in der Steindelgaffe in der üblichen Weise veriheilt wurden. Die Betheiligung der Journale mit Aktien ist ein eigener Geschäftszweig geworden, der namentlich in der Steindelgaffe lebhaft betrieben wird. So oft etwas gegründet wird, erscheint ein gewisser Herr W. vor dem GründungSkomitö und erbietet sich, die Betheiligung der Journalistik mit Aktien gegen ein mäßiges Entgelt zu besorgen, auf welchen Antrag daS GründungSkomitö gerne eingeht, um schwierigen und weitläufigen Unterhandlungen enthoben zu sein Herr W. vertheilt sodann den ihm zur Verfügung gestellten Betrag nach einem gewissen Tarife, den er ein für allemal festgesetzt hat. ArmeS Volk, so macht man die öffentliche Meinung, deine Me nung! Auf diese Weise erklärt eS sich, wie so die Aktien einer Bank, deren Geschäft noch gar nicht begonnen hat, 10 Perzent über Pari stehen, während die StaatSpapiere 40 Perzent unter Pari sind! Warum wendet sich der Finanzminister nicht an den Wundermann in der Steindelgaffe; durch seine Vermittlung könnten die Staatspapiere vielleicht bis Pari getrieben werden. Die Wirkung auf den Staatskredit wäre von unberechenbarer Tragweite!
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. September 1869, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/2386-die-volksbank-und-ihre-einflussnahme-auf-die-presse-durch-1869).

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