Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
THEATERLEBEN OHNE PERFEKTION

Theaterdirektor erläutert seine Stellungnahme und Vorsätze zur künftigen Bühnenführung

1507 Zur Nachricht. Ohne auf die niedrigen Schmähungen in Nr. 232 des Tagblattes einzugehen, oder mich auf eine Erwiderung, welche mir meine Ehre verbietet, einzulassen, fühle ich mich veranlaßt, dem geehrten Publikum nachfolgende Erklärung zu geben: Wer mit der Bühne und ihrem Wesen vertraut, wird gerecht genug sein, einzuräumen, daß bei einer neu organisirten Gesellschaft nicht jedes Mitglied den Anforderungen des geehrten Publikums genügt. Daß ich dieß schon erkannt, werde ich dadurch beweisen, daß ich die nicht genügen ^ besetzten Fächer binnen Kurzem neu besetzt haben werde; die nöthigen Schritte dazu sind bereits gethan. Ebenso ist es unmöglich, mit einer neuen Gesellschaft gleich ein klassisches Repertoir zur Aufführung zu bringen, denn dazu gehört vor Allem, daß die Mitglieder sich gegenseitig in Art und Weise kennen lernen, und die nöthige Zeit zum Einstudieren, — abgeseben davon, daß fast jedes neue Mitglied diese oder jene Rolle vor einem ihm neuen Publikum spielen möchte, worauf freilich nur die Direktion Rücksicht zu nebmen hat. Daß ich außer den Possen durchaus nur solche Werke zur Aufführung gebracht, die auch an der k. k. Hofburg - Bühne gegeben worden sind, bin ich bereit, Jedem authentisch zu beweisen, — wie schon mein nächstlaufendes Repertoir zeigt, daß die Klafficität vertreten ist, und es auch an Novitäten nicht feblen wird. Freilich bei dem Mangel an wahrhaft guten, neuen dramatischen Werken bleibt mir nur übrig, mich an das Repertoir der Residenz zu halten. — Schlüßlich bemerke ich nur noch, daß ich mit Opfern bereit bin, den billigen Wünschen des Publikums Genüge zu leisten, aber man gönne mir auch das Recht, meinen großen Verpflichtungen Nachkommen zu können; dieß kann aber nur geschehen, wenn mir ein hochgeebrtes Publikum sein freundliches Wohlwollen erhält, denn ich führe eine Bühne, die bis jetzt in keiner Weise dotirt ist. Vorstehende Erklärung wurde von der Gefertigten gestern gleichzeitig auch dem Innsbrucker Tagblatte zur Jnserirung nebst dem betreffenden Jnseratsgelde zugesendet, von dort jedoch gegen die bestehenden Preß - Vorschriften — mit dem Gelbe unter dem Bedeuten wieder zurückgeschickt, daß man deren Aufnahme verweigere, und ich diesen Aufsatz dort — wo ich auch die Theaterzettel, rc. drucken lasse zur Jnserirung hinsenden solle. Weitere Schritte gegen dieses mir neuerdings zugefügte Unrecht von Seite des genannten Tagblatt - Verlages behalte ich mir noch vor. Möchte mein Streben, die erhabene schöne Kunst, der ich mit ganzer Seele ergeben, zu befördern, vor dem Forum eines billig denkenden Publikums gerechte
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 12. Oktober 1855, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/253-theaterdirektor-erlaeutert-seine-stellungnahme-und-vorsaetze-zur-1855).

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