Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BAUERNTHEATER OHNE HANSWURST

Reform des Volksvergnügens am Theater durch Direktor v. Othegraven

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 4. Mai 1875 · Seite 7 · #Pradler Bauerntheater
und so früher oder später untergehea mußte. Wir selbst hatten in nächster Umgebung unserer Stadt die beste Gelegenheit, diesen naturgemäßen Prozeß erst am Bauern - Theater „ in der Au " und dann an dem in Pradl in allen seinen Phasen zu verfolgen. Das vergangene Jahr bildete den letzten Akt desselben. Nun blieb freilich noch eine gewichtige Frage: Sollte dieses traditionelle Volksvergnügen in seinem Verfalle gelassen, oder so wie es unseren Zeit- Verhältnissen entspricht, wieder aufgerichtet und im würdigen Gewände dem Volke wiedergegeben werden? Man sollte glauben, daß sich die Beantwortung dieser Frage von selbst verstünde und doch ist ihre Lösung eine ungleich schwierigere, als es auf den ersten Anblick scheint. Ja, — freilich sollte dieses würdige Vergnügen dem Volke erneut werden, wüßte aber dann auch eine tiefeingreifende Umänderung erleiden. Wie einst von der hochverdienten Neuberin, so muß auch jetzt hier der Hanswurst und zugleich mit ihm das nie vermißte Tableau mit dem hehren erklärenden Genius verbannt, — die Helden und Heldinnen einer erhitzten Phantafie mit wirklichen Gestalten aus dem Leben in Frack und Zwilch de ta scht werden. All ' dies muß jedoch geschehen, ohne dem Volke durch eine plötzliche Entfernung wehezuthun, — so geschehen, daß es die unserer Zeit und Denkweise entsprechende Veränderung kaum wahrnimmt. Wie schwierig diese Aufgabe sei, zeigt sich am Besten darin, daß bisher noch Jedermann von der Lösung derselben sich zurückschrecken ließ. Im heurigen Jahre erst war der Direktor unseres k. k. und National - Theaters der Erste, der den gewiß nicht allzu einladenden Versuch wagen zu dürfen glaubte. Daß wir Herrn v. Othegraven mit größerem Vertrauen als jeden anderen an ' s Werk gehen sehen, dazu berechtigt uns wohl die Erinnerung, daß ja auch er es war, der im Laufe so weniger Jahre die so zerrütteten Verhältnisse unseres hiesigen Kunsttempels auf eine Weise geordnet hat, der jeder Uopartheiische seine Anerkennung wenigstens nicht versagen darf. Daß er nun diese Reform nicht mit einem Schlage wird durchsetzen können, ist wohl selbstverständlich und Niemand wird wohl mit dieser Erwartung daS nun auf das Ansprechendste renovirte Sommertheater betreten, Niemand aber auch dasselbe ohne die Ueberzeugung verkästen haben, sei es früher oder später, aber doch sicher seine Hoffnungen erfüllt zu sehen. Direktion und Schauspieler leisten vereint daS Möglichste, um billigen Anforderungen in jeder Hinsicht zu entsprechen. Freilich ist nicht zu läugnen, daß es an Einem und vielleicht gerade dem Wichtigsten mangelt, — an echten, gesunden Volksstücken. Man mag sagen, was man will, der erste Zweck des Theaters bleibt doch der, nicht zu unterhalten, sondern zu belehren. Daß diese seine edle Bestimmung gegenwärtig in den Hintergrund getreten, ist und wird stets ein Schandfleck unserer Zeit bleiben. Der Zukunft bleibt es überlassen, gegen diesen Uebelstand Abhilfe zu treffen. Wir sind überzeugt, daß die Direktion sich dies künftighin zur Nicht-
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 4. Mai 1875, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3494-reform-des-volksvergnuegens-am-theater-durch-direktor-v-othegraven-1875).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Literatur, Theater & Musik“

THEATERFREUNDE IM FRÜHLING BEFREIT

Theaterische Frühlingssaison eröffnet mit renommierten Gästen auf der Innsbrucker Bühne

Innsbrucker Nachrichten · 27. März 1875 · S. 3 · Literatur, Theater & Musik

(Theater.) Die Winter - Saison wäre mit der am letzten Dienstag stattgehabten Aufführung von Octave Fenillets „ Die Sphinx " somit geschlossen., Sie brachte uns viel des Guten und Schönen, namentlich im Schau und Lustspi …

STADTTORE ALS STRAF- UND MACHTZEICHEN

Vortrag über die alten Thürme und Thore Innsbrucks vor dreihundert Jahren

Innsbrucker Nachrichten · 3. April 1875 · S. 21 · Literatur, Theater & Musik

Beilage zu de » Jmrsdrncker Nachrichte » Skr. 74. Unterhaltungs - Blatt. Innsbruck vor dreihundert Jahren. Vortrag gehalten in der UniversitätSaula zu Gunsten des Walterdenkmales am 13. März d. 3. von Dr. David Schönherr …

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |