und so früher oder später untergehea mußte. Wir selbst hatten in nächster Umgebung unserer Stadt die beste Gelegenheit, diesen naturgemäßen Prozeß erst am Bauern - Theater „ in der Au " und dann an dem in Pradl in allen seinen Phasen zu verfolgen. Das vergangene Jahr bildete den letzten Akt desselben. Nun blieb freilich noch eine gewichtige Frage: Sollte dieses traditionelle Volksvergnügen in seinem Verfalle gelassen, oder so wie es unseren Zeit- Verhältnissen entspricht, wieder aufgerichtet und im würdigen Gewände dem Volke wiedergegeben werden? Man sollte glauben, daß sich die Beantwortung dieser Frage von selbst verstünde und doch ist ihre Lösung eine ungleich schwierigere, als es auf den ersten Anblick scheint. Ja, — freilich sollte dieses würdige Vergnügen dem Volke erneut werden, wüßte aber dann auch eine tiefeingreifende Umänderung erleiden. Wie einst von der hochverdienten Neuberin, so muß auch jetzt hier der Hanswurst und zugleich mit ihm das nie vermißte Tableau mit dem hehren erklärenden Genius verbannt, — die Helden und Heldinnen einer erhitzten Phantafie mit wirklichen Gestalten aus dem Leben in Frack und Zwilch de ta scht werden. All ' dies muß jedoch geschehen, ohne dem Volke durch eine plötzliche Entfernung wehezuthun, — so geschehen, daß es die unserer Zeit und Denkweise entsprechende Veränderung kaum wahrnimmt. Wie schwierig diese Aufgabe sei, zeigt sich am Besten darin, daß bisher noch Jedermann von der Lösung derselben sich zurückschrecken ließ. Im heurigen Jahre erst war der Direktor unseres k. k. und National - Theaters der Erste, der den gewiß nicht allzu einladenden Versuch wagen zu dürfen glaubte. Daß wir Herrn v. Othegraven mit größerem Vertrauen als jeden anderen an ' s Werk gehen sehen, dazu berechtigt uns wohl die Erinnerung, daß ja auch er es war, der im Laufe so weniger Jahre die so zerrütteten Verhältnisse unseres hiesigen Kunsttempels auf eine Weise geordnet hat, der jeder Uopartheiische seine Anerkennung wenigstens nicht versagen darf. Daß er nun diese Reform nicht mit einem Schlage wird durchsetzen können, ist wohl selbstverständlich und Niemand wird wohl mit dieser Erwartung daS nun auf das Ansprechendste renovirte Sommertheater betreten, Niemand aber auch dasselbe ohne die Ueberzeugung verkästen haben, sei es früher oder später, aber doch sicher seine Hoffnungen erfüllt zu sehen. Direktion und Schauspieler leisten vereint daS Möglichste, um billigen Anforderungen in jeder Hinsicht zu entsprechen. Freilich ist nicht zu läugnen, daß es an Einem und vielleicht gerade dem Wichtigsten mangelt, — an echten, gesunden Volksstücken. Man mag sagen, was man will, der erste Zweck des Theaters bleibt doch der, nicht zu unterhalten, sondern zu belehren. Daß diese seine edle Bestimmung gegenwärtig in den Hintergrund getreten, ist und wird stets ein Schandfleck unserer Zeit bleiben. Der Zukunft bleibt es überlassen, gegen diesen Uebelstand Abhilfe zu treffen. Wir sind überzeugt, daß die Direktion sich dies künftighin zur Nicht-
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 4. Mai 1875, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3494-reform-des-volksvergnuegens-am-theater-durch-direktor-v-othegraven-1875).
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