Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PFILZSCHULE OHNE PFLEGEPFLICHT

Keine Aufnahmebeschränkungen an der Ursulinen-Mädchenschule auf Grund des Vertragsverhältnisses mit der Stadt

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 16. September 1875 · Seite 3 · #Privatschulen
(Schulen - Anfang. Die Mädchenschule der Frauen Ursulinnen.) Unsere Stadt bekömmt nun allgemach ihr herbstliches Aussehen, die Fremden, welche ihr hauptsächlich in den Ferienmonaten ihre Signatur aufdrücken, machen nun einem andern Publikum Platz. Jüngerchen der Wissenschaft, von den Innsbruckern gemeiniglich „ Studentlen " genannt, ziehen aus ihren heimatlichen Thälern wieder ein in die hiesigen Schulzimmer, sie bilden die Avantgarde der Jünger der höheren Wissenschaft, die etwas später die Säle unserer alina mater bevölkern — sollen. Auch die Innsbrucker Familien, welche den Sommer auf dem Lande zugebracht haben, sind nun zumeist in die Stadt zurückgekehrt und die herrlichen Septembertage lassen ihnen den Uebergang vom Land « zum Stadtleben, der Heuer bet solchen Familien, die schulpflichtige Jugend haben, wegen deS früheren Beginnes des Schuljahres schon jetzt, statt Ende d. MtS. bewerkstelligt werden mußte, weniger fühlbar sein. Die Einschreibungen in den Volks und Mittelschulen find in diesen Tagen in vollem Gange gewesen. Der Zudrang von Schülern ist allenthalben ein großer und war vorgestern an der Uebungsschule derLehrerbildungSanstalt beinahe ein lebensgefährlicher. Zum Kapitel der Schuleröffnung lesen wir in den „ Neuen Tiroler Stimmen ", daß „große Aufregung" in der Stadt herrsche, weil die Frauen Ursulinnen nur eine beschränkte Anzahl Kinder aufnehmen, da der Herr LandeSschulinspekior erklärt habe, ihre Schule nur als Privatschule betrachten zu können. Der Wahrheit gemäß koustatiren wir, daß von einer Aufregung, geschweige denn von einer großen Aufregung aus diesem Grunde in der Stadt keine Spur zu finden ist. Es wäre allerdings unter den hiesigen Verhältnissen eine große Verlegenheit für Familien mit schulpflichtigen Mädchen, wenn die Frauen Ursulinnen nun plötzlich das Recht hätten, die Aufnahme von Mädchen aus der tnnern Stadt zu verweigern, da wir keine andere öffentliche Mädchenschule im Pfarrsprengel von St. Jakob haben. Das Recht, die Aufnahme zu beschränken, haben aber die Frauen Ursulinnen noch keineswegs. Wenn auch das Ministerium Klosterschulen aus Grund des RetchSvolksschul - Gesetzes nicht als öffentliche Schulen anerkennen kann, so ist doch vermöge des BertragsverhältniffeS der Frauen Ursulinnen mit der Stadt ihre Schule die Pflichtschule für Mädchen in der inner « Stadt, und die Aufnahme von Schülerinnen aus derselben muß solange eine unbedingte bleiben, so lange das Vertragsverhältniß mit der Stadt aufrecht bleibt, oder so lange die Stadt nicht in anderer Weise für eine öffentliche Mädchen - Volksschule gesorgt hat. So viel wir wissen, find allerdings Verhandlungen in diesem Bezüge zwischen der Regierung und der Stadt eingeleitet, wenn aber die Frauen Ursulinnen aus diesem Grunde schon die Ausnahme von Mädchen verweigert haben sollen, so beruht das nur entweder auf einem Mißverständnisse oder auf einem Verkennen der thatsächlichen Verhältnisse, und dir verweigerte Aufnahme wird unbedingt nachträglich ertheilt werden.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 16. September 1875, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3555-keine-aufnahmebeschraenkungen-an-der-ursulinen-maedchenschule-auf-1875).

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