Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SEIFENSTÜMPER MIT STENTORSTIMME

Neues Warenlager mit rothweißen Fahnen und lautem Verkaufsgebrüll in der Museumsstraße

(Ein 5 und 10kr. - Geschäft.) Im Dialer ' schen Hause in der Museumsstraße hat sich auf einige Zeit ein Geschäft aufgethan, daS den „ billigen Jakob aus Amerika " in Schatten stellt. Zwei roth weiße Fahnen bezeichnen das Lokal, wo man Alles geschenkt bekommt — um sein Geld. ES ist nicht unintereffant, den Geschäftsbetrieb, in dem stets von Kauf und Schaulustigen angefüllten Lokale zu beobachten. An der Rückwand sind die Waarenvorräthe aufgestellt, alsHeiligen - Bildchen, Photographie - Rahmen, Notizbücher, Portemonnais, Zahnstocher, Messer, Stiefeüitzen, Kämme, Seifen, Löffel, Manchettenknöpfe, und weiß der Himmel was noch. Zwei junge Männer, die ihre Abkunft nicht verläugnen können, stehen zwischen den Maaren und dem Publikum auf einer Erhöhung und bieten unermüdlich ihre 5 und 10 kr. Schätze, der Eine davon mit wahrer Stentor - Stimme aus. „ Sehen Sie meine Herren, das ist die Seife, mit der sich Pilatus die Hände in Unschuld gewaschen hat, davon kostet ein Stück 30 kr., aber nicht bei mir. bei mir kosten 2, 3, 4, 5 Stück 30 kr., und wer 5 Stück kauft, kriegt noch ein sechstes dazu, 6 Stück 30kr.! Kauft! Geld für die Waar ', das ist k ar! Ungewasch ' ner kommt Niemand in den Himmel, und zum Waschen braucht man Seife! " „ Ah, Sie wollen die Seife, Hab ' es Ihnen angesehen, bitte nur Kleingeld " — der Verkäufer macht Miene, als wollte er die Seife über daS Publikum dem Käufer zuwerfon, — „ Ah, Hab nicht bedacht, daß sie an die Köpfe fliegen könnte, bitte telegraphrrcn Sie der Madame die Seife zu. " — „ Kauft, wir sind arme Leute, muffen das Brod mit den Zähnen beißen ", „ ich habe 17 Kinder, die alle zu mir Vater sagen können, " „ wer nicht jetzt kauft, kriegt sie nimmer, wie die Maare fort gelegt ist, kostet sie 5 fl " Dann wird ein neuer Artikel hervorgezogen. „ Ah jetzt kommt neue Maare, ganz neue! Ah, die riecht fein, ist gebügelt, gestriegelt, geschniegelt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. März 1876, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3617-neues-warenlager-mit-rothweissen-fahnen-und-lautem-verkaufsgebruell-1876).

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