Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SPUKHAFTES RUFEN NACH JUDITH

Geisterspuk in Mieders, Pfarrer beschwört Unhold im Hause der Bader-Anna

(Geisterspuk.) Man schreibt der „ N. Fr. Pr. " aus Innsbruck: „ Einen schlagenden Beweis, in welcher Ueppigkeit in Tirol noch der krasseste Aber, glaube herrscht, möge folgende Thatsache geben, deren Schauplatz Mieders ist Der Spuck spielt im Hause der „ Bader - Anna ", einem ganz netten, aber verrufenen Gebäude. Im Volke munkelt man mancherlei davon; Thatsache jedoch ist, daß darin ein Mädchen, als ihm von seinen Eltern wegen eines Fehltrittes der Unterhalt entzogen wurde, fein uneheliches Kind an den Herd, platten zerschmetterte und dafür zu achtzehnjährigem Kerker verurtheilt wurde. Doch seitdem find Jahre verfloflen, und der Spuck treibt erst seit dem heurigen Sommer sein Unwesen. Originell ist, daß bereits am Hellen Mittage dem nächtlichen Eonzerte präludirt wird. Da werden Bilder von unsichtbaren Händen an den Wänden herumgeschlagen, versperrte Kastenthüren fliegen au 1 und offene Zimmerthüren werden zugeworfen. Nächtlicherweile erscheint dann der Unhold in Gestalt eines häßlichen grauenWeibes, Allen sichtbar; aus der Tiefe tönt schauerlich der Name der Haustochter: „ Judith! Judith! ", und in allen Räumen lärmt und rumort es, daß selbst die Nachbarn im Schlafe des Gerechten ge. stört wurden und sich darüber beim Herr » Pfarrer beklagten. Als nun auch der erwachsene Sohn des Hauses hiifeflehend erschien, begab sich der Pfarrer vor Kurzem in das spukhafte HauS, um den Geist mit Brevier und geweihtem Wasser zu beschwören. Das scheint aber wenig genützt zu haben, da die Parteien erklärt haben, das Haus demnächst ver affen zu wollen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 9. September 1876, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3657-geisterspuk-in-mieders-pfarrer-beschwoert-unhold-im-hause-der-bader-1876).

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