Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
CHEMIE AUF DEM RÜCKEN GEGEN DAS FEUER

Erfolgreiche Probe eines chemischen Extinkteurs am ehemaligen Eisplatze

(Eine Extknkteur - Probe.) Was ist ein Extinkteur? Eine mit mechanischen Vorrichtungen versehene blecherne Wasserbutte, so groß, daß ein Mann sie im gefüllten Zustand ohne besondere Mühe wie eine Kraxe tragen kann. Er hat die Aufgabe, lokalen Bränden in ihreni Entstehen mit möglichst starker Löschkraft bei geringem Aufwand zu begegnen. Die Butte ist zu diesem Zwecke beständig mit Wasser gefüllt. In derselben befinden sich außerdem zwei blecherne Kapseln, wovon die eine mit Schwefelsäure ( wenn wir nicht irren), die andere mit kohlensaurem Natron gefüllt ist. So bleibt die Butte fest verschlossen stehen. Wenn ein Brand auskommt, so nimmt man die Butte auf den Rücken, nähert sich deni Brandobjekt, macht an einer an der Außenseite der Butte angebrachten Vorrichtung einen Ruck, so daß sich innen die genannten Chemikalien in das Wasser streuen und mit demselben mischen; dies veranlaßt einen chemischen Proceß, bei welchem sich sehr rasch recht viel Kohlensäure entwickelt, in ganz ähnlicher Weise wie wenn nian ein Brausepulver zum Einnehnien herrichtet. Die Kohlensäure hat eine solche Spannkraft, daß sie nunmehr den gesammten Inhalt der Butte, sobald der Hahn geöffnet wird, mit großer Gewalt durch den Schlauch inö Freie treibt. Der Träger der Butte leitet das Mundstück des Schlauches in das Feuer und löscht es damit um so leichter, als die Mischung viel niehr Deckungsfähigkeit besitzt als bloßes Wasser. Bei der Sonntag Nachmittags auf deni ehemaligen Eisplatze am Weg zur Gasfabrik durch Herrn Gautsch, den Vertreter des Fabrikanten Ed. Rau in München veranstalteten Probe wurde eine Holznienge von etwa zwei Kubiknieter aufgeschichtet, niit Hobelspänen gemischt und reichlich mit Petroleum getränkt auf allen Punkten zugleich in Brand gesetzt und so lang gewartet, bis der für eine feierliche Ketzerverbrennung mehr als hinreichende Scheiterhaufen in einen wahrhaft tollen Brand gcrathen war. Niemand konnte glauben, daß eS möglich sein werde, dieses hochauslohende, gewaltige Feuer mit einem Extinkteur zu löschen. Da ging der Mann an sein Geschäft, und bald sah nian die Wirkung. Allmählig gelangte mau zur Ueberzeugung, daß der Brand bewältigt werde, und bis der Extinkteur erschöpft war, hatten auch die Flamnien aufgehört zu züngeln. Während einer zweiten Füllung des Extinkteurs war das Feuer jedoch wieder entstanden, es wurde jetzt rasch und niit noch niehr Erfolg abermals bekänipft und mit einer dritten Füllung völlig gelöscht. Eine Menge Thcer niit Hobelspänen geniischt und dann entzündet, wurde niit einer einzigen Füllung des Extinkteurs vollkonimcn gelöscht. Der Extinkteur hat seine Probe glänzend bestanden, dies werden ohne Zweifel alle die vielen Augenzeugen, welche der Probe beiwohiiten, einstimmig bestätigen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 9. Jänner 1878, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3863-erfolgreiche-probe-eines-chemischen-extinkteurs-am-ehemaligen-1878).

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