Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON DER RUHE ZUM ZIGENUNERLAGER

Auffälliges Zigeunerlager am Kratzerbrunnen in Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 3. Mai 1880 · Seite 3
Bei der Subskriptionsstelle an der Landeskassa in Innsbruck wurden allein 4 Millionen gezeichnet. s Zigeuner.) Gestern Abends wurden die zahlreichen Landparthien, welche ihre Richtung nach Süden, auf der „ neuen Straße " genommen hatten, bei ihrer Heimkehr über den Hohlweg durch einen Szenenwechsel überrascht, wie er auf der größten Bühne nicht besser gedacht werden könnte. Der noch am Nachmittage in aller Sonntagsruhe dagelegene Platz um den Kratzerbrunnen war in ein Zigeuner - Lager umgewandelt. Noch ehe man von den Zelten und vom Treiben der Menschen und von den weidenden Pferden etwas erspähen konnte, verrieth schon den von der Höhe Kommenden der aufsteigende Rauch, daß sich vielleicht eine Gesellschaft von diesem Wandervolke, wie es auf jenem Platze wohl öfters geschieht, niedergelassen habe; die Ueberraschur. g war aber nicht minder groß, als man auf dem dortigen Weideplätze eine kleine Pferdeheerde grasen n. Füllen herumspringen und 6 große Zelte auf den Abstufungen jenes Platzes in zwei Reihen übereinander errichtet sah. In und um diesem luftigen rauch und wettergebräunten Leinwand - Dächern war das Leben und Treiben bunt genug. In einem Zelte saßen drei kleine Mädchen, schwarz von Natur und auch schwarz und schmierig, weil sie wahrscheinlich noch nie im Namen der Kultur von der Seife beleckt worden sind, auf den zu einem Knäuel übereinandergeworfenen Federbetten: sie spielten mit winzigen Puppen und sangen dazu; in einen: andern wurden Fleischabfälle sortirt, um wahrscheinlich dann zum Nachtmahle bereitet zu werden; vor einem dritten Zelte stand ein junger Bursche und machte bettelnd Czardas - Bewegungen; in einen: andern stand über den: rauchenden Feuer ein brodelnder Kessel und daneben kauerte mit Kochen beschäftigt ein Weib, während seitwärts sich Kinder balgten; in einem andern lag eine Wöchnerin mit ihrem drei Tage alten Sprößling. Vielleicht befand sie sich in ihrem Federkiffen, das auf dem von: Regen feuchten Boden lag, unter den: durchnäßten Zelte und bei Tage auf der Wanderschaft, in der glücklichen Natur - Unmittelbarkeit dieses Volkes wohler, als die Wöchnerinnen, welche die Verfeinerung des Lebens der Kulturvölker mit aller möglichen Sorge und Pflege umgibt. Um diese Zelte herum drängten sich bettelnd in Lumpen gehüllt, denen die Näffe des Regens noch ganz besondern Lustre verlieh, Groß und Klein mit wahrhaft insektenhafter Zudringlichkeit an die Besucher dieser fliegenden Niederlassung heran, während Weiber als die vorgeschobenen Posten derselben auf dem Hohlwege und auf der neuen Straße jenen, welche das Bedürfniß fühlten in die Zukunft zu schauen, auflauerten und ihnen alles Wünschenswerthe verhießen. Die beiden Gendarmen, welche zur Bewachung de « Lagers beordert waren, hatten ihre schwere Noth die Neugierigen vor der Zudringlichkeit nur einiger Maßen zu schützen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. Mai 1880, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4148-auffaelliges-zigeunerlager-am-kratzerbrunnen-in-innsbruck-1880).

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