Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SCHÖNE LÄNDER – SCHLIMME BETTLER

Klage über das verbreitete Bettlerunwesen in Tirol und die Gleichgiltigkeit der Behörden

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 1. September 1885 · Seite 4
(Das Bettler - Unwesen in Tirol.) Es ist eine beschämende Thatsache, daß man selbst in den begeistertsten Schilderungen unseres Landes Tirol neben den Ausrufen des Entzückens über die unvergleichlichen Naturschönheiten, neben rückhaltloser Anerkennung der vielen trefflichen Eigenschaften des Tiroler Volkes immer wieder der Klage begegnet über die in manchen Gegenden unerträgliche Bettlerplage, über die Aufdringlichkeit und Zurschaustellung menschlichen Elendes, über die Gleichgiltigkeit der Gemeindebehörden, der Ortspolizei diesem Umfuge gegenüber. Fühlt das Tiroler Volk, fühlen die Gemeindebehörden denn nicht das Demüthigende solchen Vorwurfes? Wäre es nicht endlich an der Zeit, wo deS Landes Naturreize alljährlich mehr Bewunderer in unsere Berge ziehen, ernstlich die Beseitigung dieser Schattenseiten anzustreben? Es ist wahr, die Fremden mit ihrer Bereitwilligkeit zum Geben tragen einen Theil der Schuld an diesem Unfuge, aber wenige gebm aus wirklichem Erbarmen, manche gedankenlos, die meisten um den Bettelnden schnell abzuschütteln, Alle würden froh sein, wenn ihnen der Aufenthalt in unfern Bergen nicht durch diese Landplage verleidet würde. Schaaren von Fremden durchziehen im Sommer unser schönes Oesterreich in allen seinen Theilen, nirgends werden fie in ähnlicher Weise belästigt. Nur Italien, das Land der Lazzaroni, ist uns darin noch voraus. Gibt es denn anderswo keine Noth, keine Armuth, oder hat man dort Mittel gesunden fie zu lindern, ohne öffentliche Schaustellung? Es ist ein schöner, menschlicher Zug, Thränen trocknen, Armuth erleichtern zu helfen; der wirkliche Arm « hungert, bettelt jedoch selten, wohl aber Tagediebe und Arbeitsscheue. In den Ortschaften des Salzkammergutes findet man keine Bettler, wohl aber am Ein und Ausgange der Gemeinden folgenden Anschlag: „ In diesem Orte ist das Betteln verboten. Arme werden im Hause Nr.... betheilt. " Ein eürfaches Mittel einer energischen Gemeindevorstehung, den Profesfionöbettel abzuitellen, und gegen die wirklich Armen Barmherzigkeit zu üben!
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. September 1885, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4730-klage-ueber-das-verbreitete-bettlerunwesen-in-tirol-und-die-1885).

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