Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STERBEN IM VERGESSENEN STADTKERN

Eingabe der Aerzte Deutschtirols an den Gemeinderath zur Assanirung der Stadt Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 24. April 1886 · Seite 57 · #Sanitätspolizei
für Innsbruck. Der Verein der Aerzte Deutschtirols hat nachstehende Eingabe an den Gemeinderath von Innsbruck gerichtet: „Der Verein der Aerzte Deutschtirols, welcher sich im verflossenen Jahre konstituierte, hat sich in den Statuten zu einem seiner Hauptzwecke gesetzt: Hebung der allgemeinen Gesundheitspflege. Diesem Programni getreu hat die Sektion Innsbruck dieses Vereines, bestehend aus fast sämmtlichen Aerzten Innsbrucks und Unigebung — 50 an Zahl — in ihrer Plenarversammlung beschlossen, sich an den löbl. Gemeinderath der Landeshauptstadt zu wenden und demselben Vorschläge zu unterbreiten, welche die öffentliche Gesundheitspflege und die Assanirung der Stadt zum Zwecke haben. Wenn auch Innsbruck durch die herrliche Lage und wundervolle Unigebung zu den schönsten Gebirgsstädten des Continents zu zählen ist, wenn hier auch schwere, lang dauernde Epidemien zu den Seltenheiten zählen, muß doch konstatiert werden, daß ein großer Theil der Städte in Oesterreich und Deutschland durch günstigeren Gesundheitszustand und niedrigere Mortalität Innsbruck übertreffen und es steht leider zu erwarten, daß bei den: Umstande als die Wohnungszinse in Folge der hohen Besteuerung der Häuser rapid steigen, zahlreiche Familien in kleinen Wohnungen sich zusammendrängen müssen, die Gesundheitsverhältnisse sich noch verschlechtern werden. Von 172 Städtin Deutschlands niit 15000 und mehr Einwohnern hatten im 5jährigen Durchschnitte ( 1878 — 1882) nur 45 eine größere Sterblichkeit als Innsbruck, während in 127 Städten die Sterblichkeit eine kleinere war als in Innsbruck. In den bisher vorliegenden Wochenausweisen der Sterbefälle in österreichischen Städten erscheint Innsbruck als eine jener Städte, die sich durch abnorme hohe Sterblichkeit auszeichnen. Es sind unbenierkt und unauffällig wirkende Feinde der Gesundheit, welche unablässig das Wohl der Bewohner bedrohen und man erlaubt sich, die Sterblichkeit in Folge einiger speziell in hygienischen Mißständen wurzelnden Krankheiten als Beleg aufzuführen und die Sterblichkeit in Folge dieser Krankheiten in Innsbruck mit jener in 172 deutschen Städten zu vergleichen. Croup und Diphtheritis, die in Innsbruck nun eingebürgerten höchst verderblichen Krankheiten, die erst jüngst Angst und Schrecken verbreiteten, verursachten im 5jährigen Durchschnitte in 40 deutschen Städte im Vergleiche mit der Einwohnerzahl niehr Todesfälle als in Innsbruck, wo diese Sterblichkeit jene von 131 deutschen Städten übertraf. Ganz unverhältnißmäßig groß ist die Sterblichkeit in Folge von Lungenschwindsucht in Innsbruck, indem im Verhältnisse zur Einwohnerzahl im 5jährigen Durchschnitte in 138 von 172 deutschen Städten weniger Menschen an dieser Krankheit starben, als in Innsbruck. Im Jahre 1873 starben in Innsbruck an Lungenschwindsucht 64 Personen, seither ist die Zahl dieser Todsälle ununterbrochen gestiegen, betrug int Jahre 1880 74, im Jahre 1881 84, im Jahre 1882 98, im Jahre 1883 105 und im Jahre 1884 116, eine Zunahme, welche verhältnißmäßig weit größer ist, als die Zunahnie der Einwohnerzahl. Allerdings kommt ein Theil dieser Sterblichkeit in Innsbruck ans Rechnung der hohen Sterblichkeit der barmherzigen Schwestern, bleibt aber, wenn man die in diesem Orden in Innsbruck vorgekommenen SchwindsuchtS - -
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. April 1886, S. 57, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4799-eingabe-der-aerzte-deutschtirols-an-den-gemeinderath-zur-assanirung-1886).

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