Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
HALBLANG UND MIT BLÜMCHEN

Ein sonderbarer Wanderer betritt die Tore von Hall im Jahre 1410

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 28. Februar 1887 · Seite 17
Unte rhal t e n d e Beila ge zu den „ Inn s brucker Stach richte « ' Skr, 4V. Der Landfahrer. Eine Erzählung aus Hall und dem Hallthale von Julius Seidl er. I Pflückte manche Blüth ' am Wege, Labte mich an mancher Tränke; Doch manch blühendes Gehege Ließ ich, links und manche Schänke. M Und so geh ich meine Weise Weiter, unter Lust und Bangen — Wird sich wohl am Schluß der Reise Zeigen — ob ich ^ recht gegangen! Rauscher. Eine schwere Zeit war für das Unterinnthal vorübergegangen. Die bairischen Herzoge Stephan zu Ingolstadt und Ernst und Wilhelm zu München waren, aufgereizt von Ritter Heinrich von Rottenburg, im Vereine mit dessen Schaareu gegen seinen eigenen Landesherrn, Herzog Friedrich von Tirol, in ' S Land gefallen und, Ortschaften und Felder verwüstend, bis Hall vorgedrungen. Männlich vertheidigten die Haller Bürger ihr Städtchen. Bei Polders aber war die Brücke über den Inn abgebrochen, und um nicht abgeschnitten zu werden, mußten sie stch bis zum Schloß Matzen zurückziehen, welches sie belagerten. Doch dasselbe vertheibigte helvenmüthig sein Besitzer Ulrich von Freundsberg, der Vater des berühmten Georg von Freundsberg, und weder Mauerbrecher und Steinschleudern, noch Gold vermochten es zu brechen. Herzog Friedrich, ungerüstet beim Ueberfalle, zog mit seinen schnell gesammelten Kräften und unterstützt von einem Theile des ihm noch damals ergebenen tirolischen Adels und seinem Bruder Herzog Ernst denselben entgegen. Bor Tratzberg schlug er sein Lager auf und es stand eine hitzige Schlacht in Aussicht; da kam noch vor Ausbruch der Feindseligkeiten der Bischof von Passau Georg Graf Hohenlohe, ein treuer Anhänger Oesterreichs, in das Lager und durch seine Vermittlung kam ein zweijähriger Waffenstillstand zu Stande. Das Thal war nun vor gänzlicher Verwüstung gerettet und mit frischem Muthe ging der Landmann wieder an die Erbauung seiner Wohnstätten. An einem schönen Septemberabend des Jahres 1410 — dem Jahre obgenannteu kriegerischen Einfalles — schritt durch das Mtlserthor des kleinen Salinenstädtchens Hall ein Wanderer. Der unter dem Thore fitzende Schließer und seine Ehehälfte schauten lange und verwundert dem sonderbaren Gesellen nach, dem eine Schaar neugieriger Kinder gefolgt war. Wohl aus halb Europa war die Kleidung desselben zusammengewürfelt. Das Wams war baskisch und ließ durch seine defekten Theile ein zerhauenes Panzerhemd durchschauen. An seiner Linken hing ein mächtiger, spanischer Raufdegen, dessen benarbter Korb von manch blutigem Strauß zeugte. Die kurze Pluderhose war burgundisch und mochte einst von grünem Sammt gewesen sein.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 28. Februar 1887, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4943-ein-sonderbarer-wanderer-betritt-die-tore-von-hall-im-jahre-1410-1887).

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