Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
LIEBESLIED WIRD GOTTESLIED

Vortrag über das deutsche Volkslied an der Universitätsaula

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 10. Februar 1890 · Seite 4
(Aula - Vortrag.) Vorgestern sprach in der Aula der Universität Herr Postkontrolor Philipp Mayer über „das deutsche Volkslied in Musikalischer Beziehung. " Der Redner, welcher schön und fließend vortrug, schloß sich mit seinen interessanten, beifällig aufgenommenen Ausführungen an einen im Vorjahre im deutschen Sprachverein gehaltenen Vortrag des Univ. - Prof. Dr. Wackernell an und entwickelte die vielseitig bewegte Geschichte des deutschen Liedes nach seinen beiden Hauptrichtungen. Das Volkslied, so führte der Redner in zusammenfassender Würdigung desselben aus, ist immer das Werk eines einzelnen. Was alle zu bestimmter Zeit bewegte, fand durch die glückliche Erfindung des einzelnen den treffenden Ausdruck in Wort und Melodie, so daß jeder andere darin seine ihm zusagende Sprache und Weise erkannte. Was so der einzelne schuf, wurde in Wahrheit Gemeingut des ganzen Volkes, aus dem es ja herausgesungen war, es wurde ein Volkslied Dasselbe unterscheidet sich von der modernen Melodie durch den Taktwechsel, was der Redner an mehreren Notenskalen nachwies. Die Melodien, bei den Deutschen zum Unterschiede von andern Völkern in vur gehalten, verrathen ein festes periodisches Gefüge und wurden von aller Welt einstimmig gesungen. In dieser Form wurde das Volkslied ein ideales, musikalisches Kunstwerk. Da seine Melodien unerschöpflich und musikalisch bedeutsam waren, so wurden sie auch dem religiösen Gesänge, beziehungsweise dem Kirchenliede, untergelegt. Das bekannte Lied „ O Haupt voll Blut und Wunden " von Paul Gerhardt ( gestorben 1676) ist nach einem alten Liebeslieds melodirt. Der Vortragende spielte aus dem Klavier ein altdeutsches Weihnachtslied aus Aachen (11. Jahrhundert) und ein weltliches Lied aus der Blütezeit des Volksgesanges ( 14. Jahrhundert) als Proben vor. Die ältesten gewerbsmäßigen Ausüber des weltlichen Gesanges und des Jnstrumentenspieles waren die „fahrenden Leute ", die seit dem 8. Jahrh. die deutschen Lande durchzogen, um dann im 16. Jahrh. in städtfiche Zünfte überzugehen. Die Stad pfeifer bildeten eine eigene Sippe, sie hatten z. B. den Thurmchoral zu blasen, wie es so schön der „ Sonntagsgruß " von Martin Greif besingt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 10. Februar 1890, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5285-vortrag-ueber-das-deutsche-volkslied-an-der-universitaetsaula-1890).

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