Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROLER SCHREIBER UND IHRE BERGE

Kritische Betrachtung tirolischer Volkskundeliteratur durch den Federfeder Rudolf Heinrich Greinz

I. Tiroler Geschichten. Rudolf Heinrich Greinz: Tiroler Leut '. Berggeschichten und Skizzen. Erfurt und Leipzig, Bacmeistcr, 1892. Karl Wolf: Geschichten aus Tirvl. Innsbruck, A. Edlinger, 1892. I. C. Platter: Geschichtenund Skizzen aus Tirol mit Bildern von W. Humer. Innsbruck. A. Edlinger, 1892. Josef Praxmarer: Bilder aus dem Tiroler Volksleben: I. Der Auswanderer aus dem Zillerthale. Ein Charaktergemälde. 2. Auflage. Bozen. Egger, vorm. Wohlgemuth, 1892. Rudolf Heinrich Greinz ist ein jugendlicher Schriftsteller, der seine fleißige Feder mit Vorliebe in den Dienst tirolischer Volkskunde gestellt hat. Er thut dies durchaus dilettantenhaft, und nichts von dem, was er uns bisher geboten, kann auf bleibende Bedeutung Anspruch erheben. Bon der soliden Gründlichkeit und dem weit ausschauenden Blicke Ludwig von Hörmanns ist er ebenso entfernt, wie von der echten Volksthümlichkeit und dem ansprechende » Humor Karl Wolfs. Dies mein Urtheil mag streng sein, es ist aber nicht hart und ungerecht, wie das von Greinz über andere tirolische Dichter leichtfertig gefällte und wird durch sein Büchlein „ Tiroler Leut ' " beinahe Blatt für Blatt bestätigt. Ais feiner Zeit Professor Ignaz Zingerle dort und da die Bitte laut werden ließ, man möge ihm zu seiner reichen tirolischen Sagensammlung Beiträge senden, erhielt er zuweilen die Antwort, solche unglaubliche Geschichten seien zu dumm und kaum geeignet, das Ansehen unserer bäuerlichen Intelligenz zu erhöhen. So wenig gewiss diese Scrupel damals am Platze waren, so berechtigt wären sie, wenn man sie auf die Greinz ' scheu „Berggeschichten " übertrüge. Es wäre schlimm genug, wollte man im Auslande, wo Herr Greinz seine Schriften verlegt, nach diesen das Tiroler Volk abschätzen. Die Mundart, welche er seine Figuren sprechen lässt, hört man nirgends in Tirol, von den Liedern, die er seine Bauern singen lässt, singt der Tiroler Bauer wohl nur jene, welche Greinz der reichen und echten Sammlung Hörmanns „ entnommen " hat. Unter Vorbehalt mag mag man übrigens an ein paar Schnurren der „ Tiroler Leut " immerhin Gefallen finden; ganz im Stile Roseggers lebendig und spasshaft erzählt sind die beiden Schwänke: „ Das Antonie- Bildstöckl " und der „ Lcbenswurm ".
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 26. Oktober 1892, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5639-kritische-betrachtung-tirolischer-volkskundeliteratur-durch-den-1892).

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