Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
WALTHER OHNE HEIMAT

Zur Herkunft des Dichters Walther von der Vogelweide und der Tiroler Ansprüche

6 W llher von d? r Usgrlwride. Eine Studie von Hans Vikoler. Wenn ich es im Nachstehenden unternehme, in gedrängter Kürze ein Bild zu entwerfen, das in feinen Grundrissen theilweise das Leben und die hervorragendsten Charaktereigenschaften unseres größten Lyrikers des Mittelalters wiedergeben soll, kann es wohl nicht in der Absicht geschehen, jene Walther - Literatur zu mehren, welche von bedeutenden Forschern speciell in den letzten Deeennien mit regem Eifer zusammengetragen wurde, sondern lediglich nur ans dem Grunde, jene Vorstudien noch besonders zu verwerten, welche ich meiner gegenwärtigen dramatischen Arbeit vorausgehen lassen musste. Vor anderem mag es mir nun hier gestattet sein, über die oft erörterte und bis heute noch nicht mit Gewissheit beantwortete Frage, ob Walther von der Vogelweide wirklich als Tiroler gelten dürfe, nach den gemachten Studien auch meine Meimlng unmaßgeblich zu äußern. Lange Zeit schon stritt man sich und streitet sich noch, in welchem Lande wohl des Dichters Wiege gestanden; die Schweiz, Schwaben, Baiern, Böhmen, Niederösterreich wurden genannt, und keine Ansicht konnte sich halten, am wenigsten bewiesen werden. Endlich wies Franz Pfeiffer ( Ausgabe von l 864) als der erste Literarhistoriker auf Tirol hin, und seit diesem ersten Hinweis mühten sich verschiedene Forscher, die Heimatsfrage Walthers zu beantworten, ohne aus den hypothetischen Folgerungen zu einer Apodiction zu gelangen; es ist bei dem vorhandenen Materiale wohl überhaupt nie möglich, etwas Bestimmtes ausfindig zu machen. Es klang mir fast naiv, als ich in dem 1891 in Meran erschienen Buche von Alexander v. Schleinitz, „ Wagners Tannhänser und Sängerkrieg ", las, „ Walther von der Vogelweide stammt aus Tirol, wie dies von Pfeiffer nachgewiesen (!) wurde " u. s. w und weil in Bozen 1889 dem Sänger das herrliche Denkmal gesetzt wurde, sei von der ganzen (?) germanistischen Welt anerkannt worden, Tirol habe in der That das Recht, Walther für sich in Anspruch zu nehmen. " Dürften dieses Recht nicht auch Oesterreich, Kärnten oder Schwaben behaupten? Anton E. Schönbach schreibt hierüber in seinem Werke „ Walther von der Vogelweide ": „ Wenn unter den möglichen Landschaften heute in der öffentlichen Meinung Tirol die erste Stelle einnimmt, so verdankt es dies nur dem Eifer und der Betriebsamkeit seiner Vertreter, aber keineswegs der bessern Beschaffenheit der Gründe; von einem Beweise kann überhaupt gar nicht die Rede sein. Die Sache steht heute um nichts besser, als sie vor 25, vor 15 und 10 Jahren stand: im Gegentheil, die Sache Tirols steht verhältnismäßig
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 15. Jänner 1894, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5755-zur-herkunft-des-dichters-walther-von-der-vogelweide-und-der-1894).

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