MM ~ j! Aus der HefchMe der West. Von Dr. Edmund Tamaschke. - ' ' ( Nachdruckverboten.) Bombay, die liebliche Jnselstadt; entvölkert sich, zu Tausenden und Ahertausenden verlassen die - Bewohner Haus und Herd und Mchtrn. vor dem grauenhaften Gespenste, das die Straßen der Stadt durchschreitet. Europa hat vor diesem Gespenst zu zittern aufgehört, denn schon seit ° geraumer Zeit ist die Beulenpest von seinen Grenzen zurückgewichen: in Indien aber ' findet sie noch einen weiten Tummelplatz. Ist es doch erst in diesem Jahrhundert zu unserer Kenntnis gekommen, dass in Indien, und zwar an den Südhängen des Himalaya, in den Provinzen Kamoan und Garmal, sich ein Pestherd befindet, in dem die Seuche epidemisch zuhause zu sein scheint, und von dem aus sie sich in den letzten. sechs Jahrzehnten wiederholt in das unglückliche Land verbreitet hat. Manche Forscher sind geneigt, diesen Herd überhaupt als den Ausgangspunkt der Züge zu betrachten, die die Pest im Laufe unserer Geschichte wiederholt nach Westen zu Unternommen hat, jener schrecklichen Züge, die Hermann Lingg in seinem finster großartigen Gedichte „ Erzittere Welt, ich bin die Pest " poetisch geschildert hat. Der Winkel der Cultnrhistorie, in den uns die Geschichte der Pest führt, ist grauenvoll, aber er birgt doch so viele merkwürdige Erscheinungen, dass es sich wohl lohnt, einen Blick hinein zu werfen. Die erste Epidemie, die wir nach den auf uns gekommenen Berichten mit Sicherheit als die Beulenpest erkennen, fällt in das sechste nachchristliche Jahrhundert, in die Aeit des Kaisers Justinian. Sie kam damals anscheinend aus Aegypten und verbreitete sich über den ganzen; in jener Epoche bekannten Erdkreis, Furchtbar waren ihre Verwüstungen. Als sie im Frühjahre 542 zuerst das goldene Byzanz heimsuchte, fielen ihr nach den geringsten Angaben eine Zeit lang täglich 5000 Menschenleben zum Opfer; und um das Maß voll zu machen, erschien der Würgengel 16 Jahre später noch einmal ' in der Hauptstadt. Da umdüsterte sich der Geist der Menschen, Selbst ein so klarblickender Beobachter, wie der Geschichte - ' schreiber Prokop, glaubte, dass Gespenster in irgend einer menschlichen Gestalt in den Straßen umherwandelen: die ihnen begneten, meinten von ihnen einen Schlag zu erhalten und „ waren damit der Krankheit und dem Tode geweiht. Aber die sich in ihr Haus einschlossen, entgiengen darum der Seuche dennoch nicht: sie hörten Stimmen, die sie der ZaM der Todten zmchrieben, und waren damit der Seuche verfallen. Es war kein Wunder, dass sich solche Vorstellungen bildeten: denn alle menschliche Erfahrung, ja alles Denken musste gegenüber der unerhörten Wuth der Pest erstarren.. Es fehlte in Byzanz schließlich an Todtengräbern; man hob darum von den Thürmen der Äesestigung von Galata die Dächer ab, füllte das Innere mit Leichen und deckte sie wieder zu. Auch durch, dies Mittel war die Zahl der Leichen noch nicht zu bewältigen; man packte M Todten häufenweise auf Luftschiffe und gab, diese dem Spiele der Wellen ' preis, — wahre Todtenschiffe, die ' die Seuche weiter trugen. Etwa 60 Jahre, bis gegen 570, kehrte die Pest damals immer und immer wieder. Schließlich ' wären alle Bande völlig gelöst und wilde Zucht - ' losigkeit regierte. Ganze Städte waren verödet, ganze Familien ansgerottet.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 25. Jänner 1897, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6123-beulenpest-in-indien-und-erinnerung-an-die-pestepidemie-im-1897).
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