Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STEIN UND RÜCKENWIND ODER MORD

Tödtlicher Unfall des Radfahrers Sontheimer — Erzählung seiner Ermordung als Erfindung entlarvt

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 19. Juni 1897 · Seite 3 · #Fahrräder
am Gelände gestanden, die Mütze des Verunglückten war auf das Rad gelegt. Am Orte hätten die nachkommenden Collegen einen etwa zwei Pfund schweren Stein gefunden, um den ein Riemen geschlungen war. Etwa fünf Minuten oberhalb der Unglücksstätte begegneten die Sportscollegen auch einem Mann, der über die Radfahrer schimpfte. Die Personalien dieses Mannes, der den Abgestürzten unbedingt gesehen haben müsste, den nachfolgenden Collegen aber nicht das Geringste sagte, feien inzwischen festgestellt worden. Diese Darstellung, die von vornherein den Stempel der Unwahrheit an sich trägt und, da sie selbstverständlich auch in andere Blätter übergegangen ist, nur geeignet ist, unser Land in Verruf zu bringen, wird uns nun auch von kompetenter Stelle als vollkommen unrichtig bezeichnet. Die amtlichen Erhebungen und der ärztliche Befund haben ergeben, dass Sontheimer lediglich dem von seiner Waghalsigkett herbeigeführten Unfälle zumOpfer fiel. Den mit dem Riemen umschlungenen Stein dürfte Sontheimer wie so manche andere Fahrer zum Bremsen benützt haben. Sontheimer dürfte wahrscheinlich beim Uebersetzen eines Abzugsgrabens hinausgeworfen und an einen Felsen geschleudert worden sein. Die Mtttheilungen über den Zustand des Rades sind vollkommen unwahr, denn das Rad war mehrfach ruiniert und die Laterne wurde in zertrümmertem Zustande in einiger Entfernung vom Verunglückten vom Gendarmen aufgefunden. Die Collegen Sontheimers, die diesen vergeblich vor der waghalsigen Fahrt gewarnt hatten, haben auch einen Mann, der Augenzeuge des Unfalls oder gar Urheber desselben gewesen wäre, nicht bemerkt. Diese Version vom schimpfenden Manne dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, dass die Straße über den Zirler Berg am Pfingstsonntag von zahlreichen Radfahrern befahren wurde und die einheimischen Bewohner, die die Gefährlichkeit des Weges kennen, allerdings ihrer Missbilligung über die Waghalsigkeit einzelner Fahrer Ausdruck gaben. Die ganze Erzählung, die unter der Stichmarke „ Der Radfahrer Sontheimer — ermordet? " mit Behagen in größeren süddeutschen Blättern abgedruckt wurde, ist somit das Werk tendenziöser Erfindung.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. Juni 1897, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6176-toedtlicher-unfall-des-radfahrers-sontheimer-erzaehlung-seiner-1897).

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