(Zur Lage derLehrerschaft.) Manschreibt uns: Vor nicht allzulanger Zeit konnte man in einem Tiroler Blatte einen Artikel über Bezahlung der Postamtsdiener lesen. In demselben wird mit Recht behauptet, dass diese Kategorie Staatsdiener entschieden zu wenig habe. Nun sei es auch erlaubt einen andern Stand bezüglich seiner materiellen Lage näher zu beleuchten. Es ist dies der vielgepriesene Lehrerstand. Man möchte doch glauben, dass der Lehrer über den Diener steht, dem Gehalte nach steht er aber unter demselben. Nach dem Gesetze vom 31. Mai 1892 beziehen die Lehrer Tirols 400, 500 und 600 fl. Gehalt. 400 fl. beziehen 83 ° | 0, 500 fl. 5 ° | 0 und 600 fl. 12 ° | 0 das sind nur 113 Lehrer. Activitätszulage, Quinquennien, Theuerungszulage, Remunerationen und wie diese Dinge alle heißen, kennt der Lehrer nicht. Eine Lehrerswitwe bezieht 133 fl. 33 % kr., das ist der dritte Theil des Gehaltes vom Gatten. Wenige erhalten 166 fl. 66 ^ kr. und die von Gott besonders begnadigten, das sind die Lehrerswitwen, deren Ehegatten in der ersten Gehaltsclasse waren, beziehen 200 fl. — Erziehungsbeiträge erhalten die Kinder bis zu 50 fl. je eins, jedoch darf die Witwenpension sammt Erziehungsbeiträgen nie die Hälfte des Gehaltes des verstorbenen Gatten überschreiten. Also die große Mehrzahl der Lehrerswitwen kann, wenn sie auch zwölf Kinder haben, nur 200 fl. bekommen. Eine Dienerswitwe darf nie weniger als 200 fl. bekommen, kann aber, falls mehrere Kinder sind, 400 fl. erreichen. Es ist dies ein ganz kleiner Vergleich zwischen Lehrergehalt und Dienerbezügen nach heutigem Gesetze. Vielleicht in nicht allzuferner Zeit werden die Dienergehalte und Pensionen geregelt, es würde dann der Vergleich noch viel drastischer ausfallen. Zurückkehrend auf den Gehalt der Lehrer, soll mir nur ein Mensch sagen, wie man heute staudesgemäß mit den oben angeführten Gehältern leben kann. Wie soll ein solcher Mann eine Familie ernähren? Wie soll er sich weiterbildm, wenn er nicht einmal die Kreuzer hat, Brot seinen Kindern zu kaufen, wie viel weniger sich ein Buch? Muss der Lehrer nicht auch beim Kaufmann gleich theuer einkaufen wie der Diener resp. Subalternbeamte? Nicht einmal die Aussicht hat ein älterer Lehrer, in seinen alten Tagen mehr Gehalt zu bekommen. Hat doch der Landtag in sein r weisen Sparsamkeit Decennien von 10 Percent des Grundgehalts geschaffen, welche nicht einmal rückwirkend gemacht wurden, sondern erst im Jahre 1904 zum ersten Male zur Auszahlung kommen. Welcher Stand bezieht heute noch Decennien? Es ist wahrhaft nicht zu wundern, wenn ein Mal die Unzufriedenheit der Lehrer überall einreißt. Man nehme es dem Lehrer nicht übel, wenn er heute anfängt zu klagen; warum wurde er immer als Stiefkind behandelt? Ueberall halten die Lehrer jetzt Versammlungen ab, um geeint den Landtag zu bestürmen, doch endlich einmal dem Lehrer ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Es wird für das Land kein Schaden sein, die Lehrer ordentlich zu zahlen, kann er doch dann frei von hemmenden Nebengeschasten mit Liebe und Eifer i seinem Berufe Nachkommen. Das Land hat die Mittwoch ' 9. November Verpflichtung zu sorgen; 8 55 des Reichsvolksschulgesetzes sagt: die einzelnen Länder müssen ihre Lehrer so stellen, dass dieselben frei von hemmenden Nebengeschäften eine Familie den örtlichen Verhältnissen gemäß ernähren können. Thut der hohe Landtag in nächster Zeit nichts, so wird er es erleben, dass die Lehrerschaft Tirols gerade so wird, wie die sogenannten Jungen Wiens. Nur die elende Lage hat diese zu Socialdemokraten gemacht. Noch viel ließe sich über die materielle Lage der Lehrer erzählen, aber genug für heute, ein anderes mal wieder.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 9. November 1898, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6351-zur-elenden-materiellen-lage-der-tiroler-lehrerschaft-1898).
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