Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GANSEBRATEN SEIT 3000 JAHREN

Zur Würdigung der Martinsgans in alter und neuer Zeit

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 10. November 1899 · Seite 6
Vom Martinsvogel. Eine Skizze zum Martinstage ( 10. November.) Von Richard Herring. (Nachdruck verboten.) Unsere nüchterne Zeit wirst viele gute alte Bräuche rücksichtslos in die Rumpelkammer, und nur wenn der alte Brauch etwas Gutes zu schmausen oder zu trinken heißt, darf er auch bei den unsenümentalen Menschen des 19. und bald des 20. Jahrhunders auf pietätvolle Würdigung rechnen. So ist wohl auch der trefflichen Martinsgans eine dauerhafte Existenz gesichert, und noch lange wird der würdige deutsche Hausvater, wenn er das Messer an den knusprigen und lieblich duftenden Vogel legt, Weib und Kinder mit Nachdruck darauf Hinweisen, dass er mit diesem Gerichte uralter Väter Brauch treulich bewahre. Aber so viel Ehre die Gans auch St. Martins verdanke, sie hat sich auch ohne den Heiligen eine gar rühmlicke Stellung in dieser Welt zu erringen vermocht. Schon der Perser! önig Chosroes hat einmal feierlich die Gans für den besten Braten der Welt erklärt; der jüngere Cyrus — ein höchst nachahmenswertes Vorbild, wie jeder geängstigte Scho ar der Cyropädie weiß — war gleichfalls ein Freund des Gänsebratens, und im alten Egypten war die Gans ein so hochgestellter allgemeiner Leckerbissen, dass alles, was einen religiösen Nimbus hatte, Gänsefleisch in Hülle und Fülle erhielt; die heiligen Katzen, Krokodile und Löwen, nicht minder aber auch die Pharaonen selbst, sowie die Herren Priester, die den in großen Mengen der Isis und dem Osiris geopferten Vogel zu Ehren dieser Gottheiten mit der gehörigen Andacht verspeisten. Kein Wunder, dass wir im Nillande schon in jenen alten Tagen eine hohe (sit venia verbo!) „Gänsecultur " antrefftn, dass Herden zahmer Gänse gehalten und die Kunst, den Vogel zu stopfen unb am Spieße zu braten, fleißig und mit Verstand geübt wurde. Aber die Griechen und Römer sind in der theoretischen und — praktischen Schätzung der Gans kaum hinter den Egyptern zurückgeblieben. An den Höfen der hellenischen Fürsten wurden neben den Rindern, Ziegen und Schweinen auch die Gänse in großen Herden gehalten, wie schon alldem Traume zu ersehen ist, den im 19.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 10. November 1899, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6526-zur-wuerdigung-der-martinsgans-in-alter-und-neuer-zeit-1899).

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