Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
EHE ALS SCHUTZ ODER FÜSSEL

Über die Bedeutung der Ehe für die Stellung der Frau in der Familie und Gesellschaft

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 22. Jänner 1859 · Seite 9
LS Unterhalttmgs - Blatt. Die Ehe. *) Eö ist eine wunderbare Erscheinung, daß gerade in neuerer Zeit so viele unserer geistig hochstehenden Frauen gegen ein Band protestiren, welches doch am Ende die wenigsten von ihnen entbehren möchten. Wenn der Mann von seinem freieren Standpunkte aus die Sitten dahingegangener zivilisirtec Nationen preist und den Beweis darin zu finden glaubt, daß die Ehe keineswegs von der Sittlichkeit durchaus geboten ist und Staat und Moral auch ohne dieselbe bestehen können. so mag er für fich vielleicht recht haben. Aber wehe der Frau unserer Zeit, wenn diese Ansicht allgemein gültig werden sollte! Für sie würde dies geradezu Degradation in jeder Hinsicht sein, und wir brauchen nur auf den Standpunkt hinzublicken, den die Frauen jener Nationen einnahmen. um diese Ansicht für völlig gerechtfertigt zu halten. Die ganze gesellschaftliche Stellung der Frau, ihre höhere Bildung beruhlegt einzig und allein auf der Familie, mithin auf der Ehe, aus welcher erstere sich entwickelt. „ Die Frau bedarf eines engen Umkreises, einer bürgerlichen Form, ohne deren Blumenstaub diese reinen, weißen Blüthen in den Schmutz des Beetes kriechen. Ein Mann kann ein Weltbürger sein, und wenn er nichts mehr in seine Arme zu nehmen hat, seine Brust an den ganzen Erdball drücken, obgleich er nicht viel mehr davon umarmen kann, als ein Grabhügel betragt; aber eine Wellbürgerin ist eine Riesin, die durch die Erde zieht, ohne etwas zu haben als Zuschauer, und ohne etwas zu sein als eine Rolle! " so sagt Jean Paul mit großer Wahrheit und wenn wir auch keineswegs der Meinung sind, daß das weibliche Glück einzig und allein in der Ehe zu finden sei, so muß doch jedes wahre Frauenherz offen zugestehen, daß eS in deiner höchsten Vollendung nirgends schöner erblüht. Aber es ist gar nicht zu berechnen, wie tief das weibliche Geschlecht ohne diese Institution wieder herabsinken würde, verheirathet oder nicht Gerade die Grenze des modernen Familienlebens garantirt der Frau ihre freieste Entwickelung; sie ist beschränkt und doch nicht abgesperrt, Gattin und nicht Sklavin, und so können wir uns keine andere Position denken, welche sie dem Manne so vollkommen ebenbürtig und frei zur Seite stellte. Es ist ein Jrrthum, anzunehmen, daß die gesteigerte Bildung der Frau sie selbst über die Ehe hinaus emanzipiren könnte, ohne das dadurch der zarteste Hauch ihres Wesens hinweggewischt würde.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 22. Jänner 1859, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/663-ueber-die-bedeutung-der-ehe-fuer-die-stellung-der-frau-in-der-1859).

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