Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MISSIONAR IM KAMPF MIT DEN BOXERN

Ein Tiroler Missionär berichtet über Boxer und Kämpfe in Nord-Schantung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 6. Oktober 1900 · Seite 2 · #Mission
Freitag. 5. f Placidus. Ein Tiroler Missionär über China. Der hochw. k. Zeno Möltner, der 22 Jahre in der Provinz Schcmtung als Missionär thätig war, hatte die Güte, gestern ein Mitglied unserer Redact ion zu empfangen und ihm wertvolle Aufschlüsse über China und seine Bewohner mitzntheiten. Die Leser der „ Innsbrucker Nachr. " werden k. Zeno, der Innsbruck gestern wieder verlassen hat, sicher dafür Dank wissen, dass er sie in die angenehme Lage versetzte, über das jetzt soviel genannte „ Reich der Mitte " interessante Einzelnheiten zu erfahren. Man spricht nicht leicht von China, ohne an die Boxer zu denken. „ Hatten Ew. Hochwürden Gelegenheit, die Bekanntschaft von Boxern zu machen? " lautete naturgemäß die erste Frage. „ Und ob ich sie kennen lernte! " — so ungefähr Ließ sich?. Zeno vernehmen — „ Schon im vorigen Jahre haben sie in Nord - Schantung 223 größere und kleinere Gemeinden zerstört. Ich selbst stand einmal mit 19 Christen im Kampfe gegen 500 Boxer, die schließlich infolge unserer besseren Bewaffnung mit Zurücklassung vieler Todten die Flucht ergreifen masslen. Die Boxer führen nämlich als einzige Waffe ein sehr langes Schwert und sind ausgezeichnete Fechter, die im Nahkampf ven Europäern sich weit überlegen zeigen. Uebrigens heißen die Boxer in chinesischer Sprache va cko - Kui, wörtlich überscht: „ Die Gesellschaft ( llui) vom großen ( äa) Messer ( äo) ". Sie bilden eine überaus zahlreiche religiöse und politische Secte, die an die Stelle der jetzt verbotenen Secte der Ls - ILan kio ( „ die weiße Lilie ") getreten ist. Auch nennen sich die Boxer in einigen Gegenden die „ I sin - Kul ", die „ Gesellschaft vom geeinten Herzen ". In religiöser Hinsicht huldigen sie dem crassesten Aberglauben und dünken sich unverwundbar: der letztere Umstand ist auch mit ein Grund, warum die Kaiserin Ln erster Lime die Boxer zum Kampfe gegen die verhassten Fremden aufstachelte. Die „ unverwundbaren " Mitglieder der va äo llui sollten den Ausländern den Garaus machen. In politischer Beziehung zählen sie zu den NaleorckLnti und arbeiten auf den Umsturz des Bestehenden hin. " Die letztere Bemerkung bot willkommene Veranlassung, U. Zenos Ansichten über die Lösung der chinesischen Frage kennen zu lernen. „ China wird aufgetheilt werden, " — dies ist die Meinung unseres Missionärs
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. Oktober 1900, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6652-ein-tiroler-missionaer-berichtet-ueber-boxer-und-kaempfe-in-nord-1900).

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