Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
FRESKEN MIT 1000-JÄHRIGER GESCHICHTE

Gefährdete Freskobilder in der Kirche St. Adolari bei Waidring

(Gefährdete Freskobilder.) In der „ Mg. Ztg. " lesen wir: Dreiviertelstunden von Waidring entfernt liegt an der Straße nach St. Ulrich am Pillersee die kleine Kirche St. Adolari, die in gothischem Stil erbaut, angeblich aus dem Jahre 1013 stammt; diese Zahl soll wenigstens auf einem der beiden Freskobilder zu lesen gewesen sein, die die Kirche birgt; von den fünf Wandflächen, die die Apsis bilden, sind drei durch Fenster durchbrochen, die beiden anderen enthalten die Fresken, die die Form eines Spitzbogens haben, an der Grundlinie 3i/z Meter breit und etwa 4 ^ Meter hoch sind. Das erste Bild zeigt den hl. Adalarius in rothem Bischofsgewand vor einem Altar kniend, zu seinen beiden Seiten je einen Kriegsmann mit geschwungenem Schwert; in der Höhe schweben Engel, die Palmzweige halten und Blumen herabstreuen. Auf dem zweiten Bild sieht man eine Gruppe von Landleuten; in der Mitte führen zwei Kinder an Bändern einen Ziegenbock, ein Mann bringt ein Rind, rechts steht ein Mann mit einer über die Schulter gelegten Sense, vor ihm kniet ein Weib mit entblößten Schultern, links hebt ein bärtiger Mann freudig die Hände zum Himmel und vor ihm kniet ein reizend gemaltes betendes Kinderpaar. Im Hintergrund finden sich grasende Lämmer und Rinder und über dem Ganzen schwebt aus einer Wolke, von Engelchen umgeben, St. Adalarius mit segnend ausgestreckter Hand. In der linken unteren Ecke ist ein ovaler Rahmen angebracht, in dem die Jahreszahl 1013 zu sehen gewesen sein soll, die jetzt in ganz roher Weise mit Blaustift nachgezogeu ist, weil die alte Zahl zu schlecht sichtbar gewesen sei. Meyers Reisehandbuch „ Deutsche Alpen, 2. Theil " bezeichnet die Bilder als „ angeblich von Leonardo da Vinci " gemalt. Auch wenn sich für diese Annahme keine Beweise finden, verdienen die meisterhaft gemalten Fresken ein besseres Schicksal als dasjenige, das ihnen jetzt droht, nämlich durch Mauerfeuchtigkeit und verständnislose Behandlung zugrunde zu gehen. Nach Angabe der Bewohner der Gegend wurden schon mehrfach bei dem geistlichen Consistorium in Salzburg, dem die Kapelle untersteht, Vorstellungen erhoben, um eine bessere Erhaltung der Bilder herbeizuführen, jedoch ohne Erfolg. Wie wenig Verständnis für Erhaltung der schlichten Schönheit dieser Kapelle bei den berufenen Stellen vorhanden, geht daraus hervor, dass in früheren Jahren sogar vier bemalte, holzgeschnitzte Heiligenstatuen und ein Oelbild wegverkauft wurden.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 20. September 1901, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6839-gefaehrdete-freskobilder-in-der-kirche-st-adolari-bei-waidring-1901).

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