einem Fachmann herrührenden Darstellung der Verhältnisse besprochen. Wir geben im Nachfolgenden diese Schilderung ausführlich wieder. Im Jahre 1878 betrug die Krankenaufnahme 90. Im Jahre 1882 wurde die Anstalt in Pergine eröffnet und dorthin 90 Kranke abgegeben. Im Jahre 1889 betrug die Aufnahme 130. In diesem Jahre wurden die letzten baulichen Erweiterungen in der Anstalt vorgenommen und zwar in der Weise, dass für die Wirtschaftsrümne ein eigener Neubau errichtet, während für die Kranken in den alten, dadurch frei gewordenen, hygienisch ungünstigen Räumen ein Mehrbelag von circa 30 Betten gewonnen wurde. Seither stieg die Ausnahmszahl ständig, fo dass dieselbe im Jahre 1900 bereits 200 betrug, und im laufenden Jahre diese Zahl voraussichtlich überschritten werden wird. Die größte Anzahl der Kranken, welche überhaupt, das heißt ohne Rücksicht auf die hygienischen Verhältnisse untergebracht werden kann, beträgt 360. Der tatsächliche Krankenstand beträgt heute 357. Sowohl die Frauen wie ganz besonders die Männer- Abtheilungen sind überfüllt. In letzterer sind überdies ( das heißt abgesehen von der Uebersüllung) die hygienischen Verhältnisse in den meisten Abteilungen derart schlecht, dass die geistige und leibliche Gesundheit der Kranken in bedenklicher Weise gefährdet wird. Im Tagraum der Männer - Abtheilung für Unreine zum Beispiel entfällt per Kopf ungefähr 12 Cubikmeter Luftraum. Die Fenster des Tagraumes gehen nicht direct ins Freie, sondern auf einen breiten, nach der Seite offenen Kreuzgang, wodurch die Belichtung dieses Tagraumes wesentlich beeinträchtigt wird. Dieser dunkle überfüllte Tagraum dient zugleich als Speise und Rauchzimmer und hat keine andere Ventilationseinrichtnng als die Fenster. Dazu kommt noch, dass der Abort für diese Abteilung ebenso wie die Mehnahl der Aborte der Manner - Abtheilung, keinen Geruchverschluss und keine Wasserspülung besitzt, so dass die Grubengase und die Dünste der in den Pissoiren stagnierenden Urinmengen sich ungehindert in den Gängen und Krankenräumen verbreiten. Aehnlich sind die Verhältnisse auf den übrigen Männer - Abtheilungen der dritten Verpflegsclaffe. Die Aborte mit Ausnahme eines einzigen spotten jeder Beschreibung. Obwohl die Stadtgemeinde Hall die Zustimmung zu einer Canalisation der Anstalt gegeben hat, besteht eine solche nicht. Die Bäder sind der Zahl nach unzulänglich, in finsteren, niedrig gewölbten Räumen untergebracht und ganz unzulänglich ausgestattet. Eine sogenannte „ Wachabtheilung ", dass heißt eine Separation für jene Kranken, welche einer besonderen Überwachung und Beobachtung bedürfen, besteht wegen Raummangels in dieser Anstalt nicht. Die Kranken dieser Kategorie müssen nothgedrungen Ln Isolierzellen untergebracht werden, wo schon des zu geringen Wartpersonales wegen die nothwendige Beobachtung nicht erfolgen kann. Gleichfalls wegen Platzmangels können die ruhigen von den unruhigen Kranken nicht getrennt werden. Dass unter diesen Umständen nicht nur der Aufenthalt für einen großen Theil der Kranken eine Qual sein muss, sondern dass infolge der ganz unzulänglichen Mittel dieser Anstalt auch das Heilungspercent wesentlich herabgedrückt werden muss, liegt auf der Hand. Endlich sei noch erwähnt, dass für die Fälle des Auftretens insectiöser Erkrankungen in der Anstalt nicht vorgesorgt ist. Ganz abgesehen von dem immerhin möglichen Fall des Auftretens einer Epidemie in der Anstalt ( eine eigene Abtheilung für infectiöse Kranke besteht nicht) können auch sporadische Fälle von Jnfections - Krankheiten nicht entsprechend untergebracht werden; dieselben müssen vielmehr in den für diese Zwecke nicht erbauten und von den übrigen nicht getrennten, zumeist auf die Tagräume ausmündenden Krankeuzellen belasten werden. Die Anstalt entspricht also in keiner Richtung ihrer Ausgabe.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. Dezember 1901, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6880-mangelhafte-hygienische-zustaende-in-der-irrenanstalt-zu-hall-1901).
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