Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BETTLERBUBEN MIT ZIGARETTE

Jugendliche Bettelei auf den Tiroler Straßen – Fremdling schildert unangenehme Begegnungen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 19. April 1902 · Seite 6 · #Bettler
das Bettelhandwerk betreiben zu sehen! Als ich darauf den Weg über St. Nicolaus nach Weiherburg zu nahm, bemerkte ich ungefähr auf der Mitte des steilen Weges eine Schar Buben, die eine vor mir gehende Gesellschaft, bestehend aus 3 Damen und einem Herrn, brandschatzten und so lange nebenher liefen, bis ihrem Wunsche entsprochen wurde. Natürlich blieb ich ebensowenig verschont, ich aber gab, entrüstet über diese jugendlichen Bettler, einfach nicht Gehör. Doch siehe da! Ich hatte dies bald zu bereuen, denn in geringer Entfernung konnte ich für mvine Weigerung die schönsten Schimpfworte dieser hoffnungsvollen Bürschchen hören, was mich unwillkürlich au die Zigeunerkinder erinnerte, die es so ähnlich machen oder wie es in Italien der Brauch ist. Allein nicht genug an dem, ich musste binnen der sehr kurzen Zeit noch eine dritte so traurige und für jeden Fremden höchst peinliche Lage machen. Auf dem Wege zum Bahnhofe bei meiner Abreise lief mir so ein Knirps mit seinem Betteln um einen „ Kreuzer " beinahe zwischen die Beine. Um die Sache kurz zu machen und hinterher nicht Grobheiten. anhören zu müssen ( Erfahrung macht klug) gab ich ihm 4 ll; aber wer beschreibt mein Erstaunen und meine Empörung, als ich später aus dem Wartesaale kommend selben gleichen Knirps vor dem Bahnhofgebäude lustig eine Cigarette rauchend promenieren sah. Aufrichtig gestanden, ist mir eine solche jugendliche Bettelei in keiner von den vielen Städten, die ich besuchte, je vorgekommen. Ein armer Handwerksbursche wird auf seiner Wanderung, wenn er von Hunger gepeinigt, sich ein Stück Brot erbettelt, aufgegriffen und bestraft, und hier? Hier werden ans Uebermuth und Frechheit Fremde von jungen Taugenichts belästigt, was für die Stadt selbst wenig vortheilhaft wirkt und ein sonderbares Licht auf die Erziehung der Kinder wirft. — „ Ein Fremder ". — Es ist wahrlich höchste Zeit, dass dem Kinderbettel hier einmal energisch an den Leib gerückt wird.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. April 1902, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6964-jugendliche-bettelei-auf-den-tiroler-strassen-fremdling-schildert-1902).

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