Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KEIN ARZT, DAS TAL GEHT ZU

Ehrwald verliert seinen Arzt Dr. Fritz Ladurner – Landflucht auch bei Ärzten

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 21. Februar 1903 · Seite 7 · #Gemeindeärzte
Februar 1903 Herr Dr. Fritz Ladurner von Ehrwald verabschiedet — der dritte Arzt seit dem vor wenigen Jahren hochbejahrt in Ehrwald verstorbenem Dr. Weithaler. Ehrwald teilt eben mit vielen anderen tiroler Gemeinden das Schicksal, ein für die heutige junge Ärzte - Generation zu sehr weltabgeschiedenes Dorf zu sein. — „ Landflucht " — ist das zeitgemäße Schlagwort und die Kalamität, die das soeben gebrauchte Wort in sich birgt, erstreckt sich heute auch auf die Ärztefrage. Man hat sich längst in den arztsuchenden Gemeinden entschließen müssen, den Wartgeldposten bedeutend zu erhöhen, und damit doch keine nennenswerten Erfolge erzielt, irwald hat 1300 Seelen und fast eine halbe runde entfernt befinden sich die Nachbarorte Lermoos und Viberwier mit je 700 Seelen. Das wäre also ein recht ansehnlicher Sanitätssprengel. Aber jede Gemeinde rminscht, daß der Arzt in ihrem Orte wohnen soll. Hat Ehrwald glücklich einen Arzt, sluggs stellt Viberwier auch einen an Und es kann das, weil die Gewerkschaft des Bergwerkes Silberleithen eitlen Krankenkafsenarzt haben muß. Jeder Arzt weiß, daß solch eine Stellung sich stets als lohnend erwiesen. Verliert also plötzlich, der Ehrwalder Arzt die Gewerkschaft Silberleithen, so sieht er seilt Verdienst um ein Beträchtliches vermindert. Die Gesamteinnahme eines Ehrwalder Arztes, trenn er in allen drei Talgemeinden seine Praxis Msüben könnte,, wird aus 6000 bis 8000 Kronen jährlich geschätzt. Also auch wenn die Einnahme von Viberwier wegfiele, bliebe immer rwch ein respektables Einkommen übrig. Dazu kommt, daß Ehrwald im Sommer lebhaften Fremdenverkehr hat und der Arzt von den Villenbesitzern dann auch stets gern zu kleineren Sommersestlichkeiten und zu dem allabendlichen Ten nis spiel ein geladert wird, wenn er nur Lust bezeigt, sich in fröhlicher Gesellschaft zu bewegen. Wir glauben, wenn dieser Sachverhalt in ärztlichen Kreisen besser bekannt wäre, würde der Gedanke, Ehrwalder Gemeindearzt zu werden, bei manchem etwas von seinem Schrecken verlieren.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. Februar 1903, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7180-ehrwald-verliert-seinen-arzt-dr-fritz-ladurner-landflucht-auch-bei-1903).

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