Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STUDENTENLEBEN OHNE ELTERNBREMSE

Erinnerungen an das studentische Leben und seine Entwicklung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 30. Juni 1903 · Seite 2
Feuilleton. SLu errtente en in früherer Zeit. Erinnerungen aus Jena zum 30. Juli. Bon F. Clemens ( Jena). (Nachdruck verboten.) ,,S ' gibt kein schöner Leben, Als Studentenleben " — das muß wahr sein. Nicht Gold, Ehre und Rang machen das Leben schön, sondern Jugend, Gesundheit und Sorglosigkeit — wo aber vereinigen sich diese drei Worte, inhLltschwer, so Harrnonisch als im Dasein des fidelen Bruder Studio? Er besitzt alle Rechte und keine Pflichten — die Sorgen für ihn trägt der gestrenge Herr Papa, der leider in feinen Anschauungen meist ein Philister ist und von der akademischen Freiheit einen manchmal recht eigentümlichen Begriff hat. Im ganzen aber, das ist nicht zu leugnen, bringt der Laie — oder sagen wir der Philister — dem studentischen Treiben, so lange es die Grenzen jugendlichen Übermuts nicht überschreitet, ein freundliches Auge und williges Gemüt entgegen, er hat seine Freude an den lustigen Streichen der munteren Bursche und wundert sich höchstens im stillen, wo nur all die tollen Gebräuche herstammen mögen, deren Ausübung er gaffend und stäunend mit ansieht. Burschen, Füchse, Philister, Couleur, Fuchsmajor, was tE alles für kuriose Bezeichnungen sind! Der verwunderte Laie weiß ja nicht, daß die studentischen Einrichtungen zum größten Teile Überbleibsel einer früheren Zeit sind, Produkte einer Entwicklung, so gut wie alles andere auf der Welt. Der ursprüngliche Gedanke war vielleicht gut, unter der Behandlung der jungen Brauseköpfe ist er aber ausgeartet, bis das Treiben mit der steigenden BiÜmng unserer Jugend und den sanfteren Sitten unseres Jahrhunderts allmählich wieder einen milderen Charakter annahm. Denn der Student des 16. und auch zum größten Teil noch des 17. Jahrhunderts führte ein wahres Lotterleben. Die akademische Freiheit war zur Unfreiheit geworden und betätigte sich nur noch gegen die eigenen Lehrer oder die ruhigen Bürger.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. Juni 1903, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7269-erinnerungen-an-das-studentische-leben-und-seine-entwicklung-1903).

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