Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PFUI RUFT ES AUS DER GALERIE

Stürmische Aufführung des „Andre Hofer“ im Innsbrucker Stadttheater mit Jubel und Pfeifkonzerten

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 4. Dezember 1903 · Seite 4 · #Theaterskandale
(Demonstration im Innsbrucker Stadttheater.) Schon seit mehreren Tagen waren Gerüchte in der Stadt verbreitet, die von Demonstrationen wissen wollten, welche von klerikaler Seite anläßlich derAndreHofer - Aufführung in unserem Stadtthearer inszeniert Werden sollten. Und die Fama behielt diesmal recht; seit mindestens zwei Dezennien hat unser Mmentempel nicht mehr eine so stürmisch bewegte Vorstellung gesehen wie gestern. Das Haus war in allen Teilen ausverkauft und ^ spendete nach dem ersten Aufzuge stürmischen Verfall, der den Ln einer Parterre - Loge der Vorstellung anwohnenden Dichter immer und immer wieder vor die Rampe ries. Und Heller Jubel brach los, als Herrn Kranewitter drei mit schönen Schleifen geschmückte Kränze überreicht wurden. Auch der zweite Aufzug ging ohne Störung in Szene — erst am Schluffe desselben, knapp vor dem Fallen des Vorhanges, setzte eine numerisch schwache Opposition ein, die an der unwirschen Behandlung der Frau Hofer durch ihren Mann Allstoß nahm. Von der Galerie herab erschollen einlne Pfuirufe, die bald durch die Mitwirkung von ignalpseisen recht kräftig unterstützt wurden. Dies veranlaßt die Majorität, der Opposition mit stürmischen Heilrusen zu begegnen, die schließlich äuch siegreich das Feld behaupteten. Einzelne nimmermüde Gegner wurden nachdrttcklichst ersucht, sich die Vorstellung vom Rennweg aus anzusehen. — Herr Kranewitter mußte wieder vor der Rampe erscheinen, um, umbraust von vielhundertstimmigen Heilrufen, zwei weitere Lorbeerkranze nut Schleifen entgegenzunehmen. Der dritte Aufzug bildete den Höhepunkt der Erregung; im sechsten Auftritt, der uns Hofer Ln vollem Bewußtsein der Schwere seiner Schuld zeigt, sagt Hofer zu seiner Frau: Was ich getan habe, „ ist a Sünd gög ' n mi selbst, a Sünd gög ' ns goanze Land, a Sünd — i soag Dir, koan Geistlicher, nit amoal der Poabst in Rom konn mi davon absolviren, denn an der Sünd.. Bei diesen soeben zitierten Worten setzte die Opposition neuerdings mit Pfuirufen, Zischen und Pfeifen energisch ein, wurde aber ebenso wie bald darauf, als Rasfls Äußerung über die goldene kaiserliche Gnadenkette den Unwillen der Gegner erregte, durch den frenetischen, dem Dichter und den Darstellern gespendeten Beifall der Mehrheit zum Schweigen gebracht. Sehr lebhaft ging es im folgenden Zwischenakte im Logengange des zweiten Ranges zu, wo es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Herren kam. Wer zischte und pfiff gestern? Darüber können wir, soweit es die Galerie betrifft, ziemlich genaue Auskunft geben. Es befand sich dort ganz rückwärts eine Gruppe junger Leute, die man bisher nie im Theater gesehen hat und von denen einer die Buchausgabe des Andre Hofer in der Hand hielt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 4. Dezember 1903, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7371-stuermische-auffuehrung-des-andre-hofer-im-innsbrucker-stadttheater-1903).

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