Gründung eines Blindenfürsorge- Vereines für Tirol. Die auf Gründung eines Blindenfürsorgevereines in Tirol abzielenden Bestrebungen haben gestern durch eine Versammlung im kleinen Stadtsaale ihre Verwirklichung erfahren. Der Versammlung ging am Samstag abend ein Vortrag des Herrn Regierungsrates Alexander Mell aus Wien voraus, zu welchem sich u. a. folgende Persönlichkeiten einsanden: Statthalter Baron Schwartzenau mit Gemahlin, Landeshauptmann Graf Brandis, die Landesausschußmitglieder Dr. Schorn, Dr. Wackernell und Baron Dr. Sternbach, Hofrat Meusburger, Sektionschef von An der Lan, Landesschulinspektor Hausotter mit Gemahlin, die Universitäts - Professoren Bernheimer, v. Wretschko, Ehrendorfer und Zott, ferner noch Statthaltereirat Haberler, Altvorsteher Heigl, und Gemeinderat Franz Thurner. Der Vortragende, welcher sehr instruktiv sprach, warf in erster Linie einen Rückblick aus die Geschichte der Blinden - Erziehnrrgsanstalt in Wien hervor. Das frühere Los der Blinden war der Bettel, lheute können es die Blinden aber zu einer Stellung in der Welt bringen, da durch die bestehenden Anstalten die Möglichkeit geboten ist, sie entsprechend anszubilden. Wenn dies nicht erreicht werde, sei nur die verfehlte Erziehung Schuld, welche die blinden Kinder zuhause genießen, ehe sie in die Anstalt kommen. Man müsse das blinde Kind stets so behandeln, wie ein sehendes, um es beizeiten selbständig zu machen. Redner schilderte hierauf das Wesen des Blindenunterrichtes, der sich hauptsächlich ans den Tastund Gehörsinn ausbaute und führte zwei Mädchen aus der BlLndenerziehungsanstalt in Wien vor, die zum Erstaunen der Anwesenden große Sicherheit in ihren Bewegungen an den Tag legten. Auf die speziellen Gegenstände übergehend, widmete der Vortragende namentlich dem Schreib und Leseunterricht eingehendere Worte. Dabei zeigte er Schriftproben in durchstochener Buchstabenschrift, sowie in Braille ' scher Punktschrist vor und ließ die beiden blinden Mädchen lesen und schreiben. Die Proben sielen sehr gut ans. Auch die beim Schreiben zur Verwendung kommenden Apparate lernten die Anwesenden kennen, ebenso die zur Verwendung kommenden Bücher. Die Jnstitutsdruckerei hat bisher 198 Werke ( 14. 000 Bände und Hefte) gedruckt. Bezüglich des Musikunterrichtes betonte Regierungsrat Mell, daß die Blinden dafür sehr empfänglich seien und diesem Unterricht daher ein Hauptaugenmerk Zugewendet werden müsse, obwohl er die Gefahr in sich schließe, die Blinden dem Bettel geneigter zu machen. Um den Bettel möglichst aus dem Feld zu schlagen wird in den Blindenanstalten namentlich auch aus praktische gewerbliche Ausbildung der Zöglinge hingearbeitet. In Österreich werden dieselben zumeist als Bürstenbinder und Korbflechter ausgebildet, die Mädchen lernen Handarbeiten und das Einflechten von Rohrstühlen, sowie in neuester Zeit Maschinenschreiben. Um auch älteren Blinden ein Asyl zu bieten, wurde Ln Wien ein Haus geschaffen, wo die Blinden beschäftigt werden. 21 Blinde haben dort in einem Jahre um 25. 000 Kronen Ware erzeugt, einige von ihnen verdienen wöchentlich 20 Kronen. Redner meinte zum Schluß, daß auch in Tirol etwas für die Blinden geschehen solle und schloß seinen interessanten Vortrag Mil dem Wunsche, daß dies sicher geschehen möge. Erwähnt sei noch, daß eineder beiden Mädchen das Flechten vorzeigre, während das andere Schuberts „ Forelle " am Klavier sehr brav spielte.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 14. März 1904, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7437-gruendung-eines-blindenfuersorge-vereines-in-tirol-durch-1904).
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