Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BRÜNNELGARTEN GEGEN DIE PREISERHÖHUNG

Kritik an Steuersystem und Wirtshauspreisen bei sozialdemokratischer Volksversammlung in St. Nikolaus

(Zur Wein und Bierverteuerung.) Die sozialdemokratische Parteileitung hat sür vorgestern abend eine Volksversammlung in den Garten des „ Gold. Brünnl " in St. Nikolaus einberufen, zu welcher über 600 Personen erschienen. Als Referent ließ sich Herr Abram hören. Er kritisierte das Vorgehen der Wirte, ging aber noch über dieses Thema hinaus, indem er aus die Ungerechtigkeit unseres für die arbeitenden Klassen unerträglichen, drückenden Steuersystems zu sprechen kam. Dabei griff er auch den Tiroler Landtag an, weil dieser sür die für die Schule erforderlichen Mehrauslagen in der Laudesumlage auf Bier und Wein Deckung gesucht habe. Auch gegen die christlichsoziale Arbeiterschaft wurden heftige Vorwürfe erhoben, weil sich dieselbe in der Angelegenheit der Lebensmittelverteuerung passiv verhalte. Bezüglich der Gasthäuser, welche mjt dem erhöhten Preis nicht wieder heruntergingen, bleibt der Boykott aufrecht, namentlich wurde dieser auch über die Wirtschaften zum „ Engel " und zur „Grünen Eiche " ausgesprochen. — Hinsichtlich des im Samstagblatte veröffentlichten Eingosendet der Gastwirtsgenossenschast erhielten wir eine Zuschrift, in der gegen verschiedene Punkt« dieses Eingesendet polemisiert wird. Die Berufung der Gastwirte auf die erhöhten Regieauslagen wird als nicht zutreffend bezeichnet, da das Publikum ohnehin für drese erhöhten Regie- Preise genugsam aufkommen muß. Der Umstand, daß der Gemeinderat bei Bemessung der Weinauflage die 5 prozentige Schwendung nicht mehr gelten läßt, wird in der uns vorliegenden Zuschrift als gerechte Maßregel bezeichnet. Weiter wird darauf hingewiesen, daß die Verhältnisse im Wirtsgewerbe nicht gar so schlechte seien und daß es viele gibt, welche es vom einfachen Gasthausangestellten in verhältnismäßig kurzer Zeit zum wohlhabenden, ja selbst reichen Gast- Hofbesitzer gebracht haben. Es bleibe also nur die neue Landesumlage, welche eine Erhöhung der Getränkepreise einigermaßen rechtfertigen würde. Im Publikum herrsche die Ansicht, daß bei einer Mehrforderung bon 4 Hellern anstatt 8 Heller die neue Steuer reichlich bezahlt würde.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. August 1904, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7531-kritik-an-steuersystem-und-wirtshauspreisen-bei-1904).

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