Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
EIN TOILETTEN-GRAB FÜR 150 THEOLOGEN

Sklimalöse Mißstände an der theologischen Fakultät in Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 7. Oktober 1904 · Seite 4 · #Theologische Fakultät
zu Innsbruck aussieht. Ich lasse einfach die trockenen Tatsachen sprechen, indem ich vorausschicke, daß von der theologischen Fakultät schon jahrelang alles mögliche getan wurde, um bessere Zustände zu schaffen — allein, bislang umsonst! Das Urteil darüber, wen die Schuld an so skandalösen Mißständen trifft, überlassen wir dem Leser. Davon wollen wir absehen, daß das Universitätsgebäude dar altes Gebäude ist. Allein, auch! ein altes Gebäude läßt sich schließlich menschenwürdig Herrichten. Wandern wir durch die Räume, welche der theologischen Fakultät angewiesen sind, so sagen uns die Wände, daß sie vor langer Zeit einmal weiß getüncht waren. Jetzt ist der Mörtel ringsum abgefallen, neugierig gucken überall die roten Ziegelsteine hervor, die Wände sind verrußt und verstaubt. In den Gängen herrscht beinahe ägyptische Finsternis, so daß inan sich in Acht nehmen muß, um auf den: ausgetretenen Pflaster nicht zu Fall zu kommen. Ruhig ' treiben die Spinnen ringsum ihr Gewerbe. Unbedenklich kann ich sagen, daß ich schon viel schönere Scheunen und Ställe gesehen, als diese Räumlichkeiten, in denen die staatliche Universität, die theologische Fakultät untergebracht hat. Den neu zu errichtenden drei Seminaren wurden zwei kleine Zimmer zugewiesen, die aber schon seit Jahr und Tag nichts anderes in sich bergen, als Staub und Spinnengewebe. Durch eine berußte Küche, wo ich einen Krampen und eine Schaufel und einen wohl nicht benützten Spinnenjäger entdeckte, tritt man ins Seminar ein! Auch eine große Laterne stand im Vorzimmer, wahrscheinlich, um jene Männer zu suchen, welche diesen kaum glaublichen IGelständen abhelfen sollten. Als ich quer durch den kleinen Hof schritt, da drang mir ein penetranter Geruch entgegen. Nun, lieber Leser, höre und staune, daß so etwas an einer öffentlichen staatlichen Universität in unserem aufgeklärten, fortschrittlichen Zeitalter überhaupt noch möglich ist: Für die ganze theologische Fakultät, also für 150 und mehr Hörer, nur ein einziger, sage nur ein einziger Anstandsort, und was für einer! Ich habe ihn gemessen. 1 Meter 8 Zentimeter X 1 Meter 28 Zentimeter im Gevierte! System: aus dem 17 Jahrhundert oder noch früher! Jede weitere Bemerkung einfach überflüssig! Umsomehr empören muß es jeden rechtlich denkenden Mann, wenn er sieht, chie peinlich die neuesten hygienischen Vorschriften bei den Räumlichkeiten der anderen Fakultäten befolat sind. Wo ist die Ursache dieser schreienden Ühelstände zu suchen?... Die Fakultät reklamiert, interpelliert an maßgebender Stelle — umsonst! Mich hat es nur Wunder genommen, daß die theologische Fakultät zu Innsbruck nicht schon längst diese Mißstände in öffentlichen Blättern aufgezeigt hat. Eine solche Vernachlässigung, wie sie Pie Innsbrucker theologische Fakultät von Seiten der staatlichen Behörde erfährt, darf nicht länger verschwiegen werden. Oder fehlt es am nötigen Geld? Ich lasse einige Zahlen sprechen, die ich dem „ Staatsvoranschlag für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder für das Jahr 1904 " entnehme. Man vergleiche die Ausgaben für die einzelnen Fakultäten und man wird sagen müssen, daß es auch nicht der Geldpunkt, wenigstens nicht in erster Linie ist, dem die geradezu entwürdigenden Verhältnisse der Innsbrucker Fakultät angerechnet werdet: müssen. Auf Seite 48 im erwähnten Voranschlag heißt cs: Innsbruck. Ordentliche Ausgaben. Theo!. Fakultät Nr. 1. Gehalte des Lehrpersonals: 1 mit 6400 Kronen, 8 mit a 2100 Kronen, zusammen 23. 200 Kronen. 2. Aktivitätszulagen des Lehrpersonals: I Prof. 800 Kronen. Regiekosten 100 Kronen, alles 24. 100 Kronen. Davon aber wird das Gehalt von 6400 und Aktivitätsznlage von 800 Kronen ( — 7200 Kronen) seit 1881 als Jnterkalare betrachtet! Ausbezahlt werden also an die theologische Fakultät nur 16. 900 Kronen. Die ordentlichen Ausgaben belaufen sich: Für die Rechts und staatswifsenschastliche Fakultät auf 139. 320 Kronen, für die medizinische Fakultät auf 344. 561 Kronen, sür die philosophische Fakultät aus 321. 583 Kronen. Also ordentliche Ausgaben zus. 999. 394 Kronen, davon ab 3o/o Jnterkalare 18. 438 Kwonen, zus. 980. 956 Kronen. Als außerordentliche Ausgaben für die theologische Fakultät sind
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 7. Oktober 1904, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7578-sklimaloese-missstaende-an-der-theologischen-fakultaet-in-innsbruck-1904).

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