Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GIFT UND SPAREINLAGEN

Giftmordprozess in Waidach: Drei Angeklagte sollen 73-jährige durch Atropin umbrachten

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 8. März 1905 · Seite 5 · #Giftmord
Der Giftmord zu Waidach. (Ein Sensationsprozeß.) (Fünfter Schwurgerichtsfall.) Unter ungeheurem Zudrang des Publikums — um einer Überfüllung vorzubeugen, mußten eigens Karten ausgegeben werden — begann heute vormittag der auf zwei Tage berechnete Prozeß gegen drei Angeklagte, denen zur Last gelegt wird, im April 1901 zu Waidach ( Gemeinde Kössen) die Private Ursula Fahringer durch verabreichtes Atropin ( Tollkirschengist), ums Leben gebracht zu haben, um ihrer Spareinlagen teilhaftig zu werden. Als Angeklagte erschienen: 1. Maria Kramer, geb. Mühlberger, geboren am 17. Jan. 1868 zu Kössen in Tirol)! nd dorthin zuständig, katholisch, verwitwet, zuletzt in Rauris, gerichtlich unbescholten; angeklagt des Meuchelmordes und der Veruntreuung. 2. Maria Hartl, geb. Kramer, geboren am 30. Juli 1853 zu Kössen in Tirol und nach Bergheim, Bez. Salzburg zuständig, katholisch, verehelicht, Krämerin in Maria - Plain, Gemeinde Bergheim, bei Salzburg, vorbestraft; angeklagt wegen Teilnahme an beiden Verbrechen. 3. Josef Dengg, geboren im Fahre 1858 zu Kirchdorf, Bez. Krtzbühel und nach Kössen in Tirol zuständig, katholisch, verehelicht, Holzhändler und zuletzt Platzwirt in Rauris, vorbestraft; angeklagt wegen Teilnahme an der Veruntreuung. Um unseren Lesern ein genaues Bild des ganzen, in allen Teilen sehr interessanten Falles zu bieten, lassen wir hiemit einen möglichst eingehenden Auszug aus der Anklageschrift folgen: Am 23. Upril 1901 starb in dem Hause her Witwe ' Maria Kramer, geb. Mühlberger in Waidach, Gemeinde Kössen, die 73 Jahre alte, ledige Private Ursula Fahringer und hinter- .ließ einen reinen Nachlaß von 4845 Kronen 15 Heller. Unter den Nachlaßaktiven befand sich auch ein Einlagebüchel des Spar und Darlehenskassevereins Kössen, lautend auf eine restliche Einlage von 300 Kronen. Diese Einlage hatte 1228 Kronen 64 Heller betragen, hievon chatte jedoch Maria Kramer am 7. April 1901 angeblich 'im Aufträge der Ursula Fahringer 928 Kronen 64 Heller behoben. Maria Kramer erschien damals, wie der Gemeindesekretär Sebastian Kalkschmid als Zeuge berichtet, in der Kanzlei des Spar und Darlehenskassenvereines Kössen, erklärte, sie komme im Aufträge der Ursula Fahringer, um Geld zu beheben, das diese augenblicklich brauche. Sebastian Kalkschmid zahlte ihr sohin die geforderte Summe von 928 Kronen 64 Heller aus, obwohl ihm auffiel, daß Ursula Fahringer, die früher immer nur sehr kleine Beträge behoben chatte, nun auf einmal so viel Geld aus der
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 8. März 1905, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7676-giftmordprozess-in-waidach-drei-angeklagte-sollen-73-jaehrige-durch-1905).

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