Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
EISENBAHNER HALTEN DRUCK AUS

Festhaltung an der passiven Resistenz der Eisenbahner trotz neuer Instruktionen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. November 1905 · Seite 5 · #Streik und Unruhen
Die passive Resistenz der Eisenbahner. Fortdauer der Resistenz in Tirol trotz der neuen Instruktion. Im großen Adambräusaale fand gestern eine von rund 1000 Eisenbahnern besuchte Versammlung statt, die aus allen Teilen des Landes und auch aus Vorarlberg beschickt war. Es nahmen daran sowohl die Angestellten der Staatsbahn als auch jene der Süd bahrt, teil und zwar ohne Unterschied der Parteirichtung. Neben zahlreichen Sozialdemo kr at e n bemerkte man viele Christlichsoziale. Da der aus Wien erwartete Referent infolge der passiven Resistenz nicht rechtzeitig erschien, erstattete der Arbeiterführer Abram das Referat. Er betonte die ^ Notwendigkeit der Gehalts ^ regulierung aller Eisenbahner, sowohl der Arbeiter als auch der Beamten. Die Regierung habe diese Notwendigkeit längst anerkannt und die Regulierung versprochen aber ihre Zusage nie gehalten. Wenn ein anderes Parlament sein würde, wäre die Verschleppung dieser wichtigen, Frage nicht möglich. Es sei daher begründet, mit den Lohnforderungen auch die Wahlrechtsfrage zu verquicken. Man müsse die Erfüllung aller Forderungen mit der vorschriftsmäßigen Arbeit, welche als passive Resistenz bezeichnet wird, erzwingen, was umso leichter sei, als in den zahllosen Vorschriften die gesetzliche und einwandfreie Handhabe gegeben ist. Redner schloß mit der Aufforderung an der passiven Resistenz festzuhalten. Sodann sprach Herr ^ Rapoldi. R. Ehr. Jenny, der Herausgeber des „ Tiroler Wast! " begrüßte das Zusammengehen der Sozialdemokraten und Christlichsozialen in dieser Frage. Der Hunger sei der Kitt, der alle in dieser Frage verbindet. Einigkeit mache stark, deshalb möge man wenigstens so lange einig sein, bis die Forderungen erfüllt sind. Die neuen Fahrforderungen sollen von allen ignoriert werden. Wenn man beim Militär bei der Einfl ' lhrung eines um 5 Zentimeter gekürzten Schrittes oder irgend eines Handgriffes jahrelange Studien und Proben vornimmt, sei dies bei einem Unternehmen, das das Leben und Eigentum der Allgemeinheit tangiert, erst recht zu fordern. Vorschriften, die heute herausgegeben werden, können nicht schon morgen durchgeführt werden. Es ist dies umso weniger möglich, als die Bahn verlangt, daß mit einer Fahrgeschwindigkeit von 15 Kilometer verschoben und der Verschieber dabei neben der Maschine einherlaufen. Holl. Das könne nicht einmal ein Schnelläufer von Profession leisten. Die Versammlung schloß mit einer einstimmig angenommenen Resolution, dahingehend, an der passiven Resistenz festzuhalteu und nötigenfalls die Arbeit ganz einzustellen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. November 1905, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7895-festhaltung-an-der-passiven-resistenz-der-eisenbahner-trotz-neuer-1905).

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