Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GESCHICHTEN AUS DER PESTZEIT

Geschichten aus der Pestzeit aus dem Kaisergebirge nach alten Sagen und Legenden

Ein Feuilleton. Beim Totwirt. Z Geschichten aus der Pestzeit von Anton Renk. (Nachdruck verboten.) '. Ich stand ' wieder einmal an den Schrofen wilden Kaisers: Denn wer dm Kaiser sah, muß wiederkehren, Wenn seiner Abendandacht rote Flammen Anfzucken an den riesigen Altären, Die aus des - Herrgotts Künstlerhänden stammen; c Wenn an dem Himmel lodert weit und breit Ein Purpurglänzen aus der Ewigkeit, Bis wieder ob erlöschenden Altären Lautlos die Nacht die Flügel schlügt zusammen. Es sind geheimnisvolle Abende, welche den Kaiser umdämmern. Seltsamen Stimmen muß man lauschen, Stimmen, die nicht aus dieser Welt tönen. Der wilde Kaiser! In diesen drei Worten wohnt ein Märchen. Ein Märchen? Nein, Hunderte von Märchen und allerhand Märchen. Märchen von dem Venedigermannl und der Goldtrupf, Märchen von schätzehütenden Zwergen, von den badenden Bären, allerhand trauliche Märchen, wie sie die Großmutter den lisch aufhorchenden Kindern beim Kienfeuer j) Mit Benützung eigener Funde und der Sagenfarnm- Jitngeh von Zingerle, Heyl und Karg. erzählte. Aber es schlummern noch andere Märchen in diesen wilden Gründen. Nicht alle sind bergsonnenscheimg — viele sind wild und dunkel und blutig: Mus dem Totensessel sitzt das Gerippe eines Wilderers, der sich verstiegen, und ohne Lossprechung in der Einöde gestorben war. Auf dem Totenkirchl liegt ein Riesenweib, ein Opfer der wilden Jagd des wolkenumflatterten Wodan, auf der Teufelskanzel predigte der Herr der Finsternis das Reich der irdischen Liebe, am Sonneck hat der Geiztenfel seine schätzegefütlte Tragkraxe, welche jetzt versteinert ist, stehen gelassen, im Teufelswurzgarten hat der Arge einen Zauberanger mit allerlei Kräutern zum Schätzefinden, Gefrorenmachen, Krankmachen und Gesundmachen. Ein solches Würzlein verlangte einst ein Bursch für sein totkrankes Dianl nn § versprach dem Bösen dafür seine Seele. Nun muß er im Garten Wache halten, bis wieder ein Bursch mit dem gleichen Wunsche kommt und ihn ablöst. Dort kann man auch den Teufel beschwören, schon mancher Wildschütz sah ihn dort als rotlodernde Feuersäule aus seinem Flammenreiche emporsteigen. Bei der Jöchlkapelle sieht man eines verliebten Teufels Klauentritt — kurz, Tod und Teufel haben im Kaisergebirge große Gewalt. Aber nicht bloß sie, sondern auch ' ihre Bündner, die Hexen 2 ), welche als schwarze Vogel die Schrofen umkreuzen. Gute Kapuziner haben aber auch böse 2) In Kargs Buch wird eine Saligsränleinsage irrtümlich al § Hexensage erzählt. Menschenpütze in diese Gewände gebannt, damit sie nicht länger den Hausfrieden stören. Diese lassen nun ihre Bosheit an den
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 12. Dezember 1905, S. 1, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7916-geschichten-aus-der-pestzeit-aus-dem-kaisergebirge-nach-alten-sagen-1905).

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