Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
ARBEITER AUFRUF MIT ITALIENISCHER ZUHAUSE

Christlichsoziale Bauarbeiter gegen Aussperrung – Umzug zum Statthalter und Bürgermeister

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 12. Mai 1906 · Seite 7 · #Streik und Unruhen
Die Arbeiterbewegung und Aussperrung. Die christlichsozialen Bauarbeiter gegen die Aussperrung. In einer am Donnerstag abend abgehaltenen Versammlung beschlossen die ch r i st l i ch s o z i alen Bauarbeiter folgenden „ Aufruf " an alle Gesinnungsgenossen zu erlassen: „Bauarbeiter! Ein großes Unglück steht uns bevor! Die Meister haben beschlossen, am 12. Mai sämtliche Bauarbeiter auszusperren! Und warum?! Weil die Sozialdemokratie einen Streik nach dem andern hervorruft, und zwar nicht, um uns höhere Löhne zu verschaffen, sondern hauptsächlich um ihre Politik zu treiben. Was geht uns die sozialdemokratische Politik an? Wir wollen leben!! Arbeiter, wir werden einen notwendigen Streik nie verwerfen, aber wir wollen uns nicht von einer kleinen Schar Sozialdemokraten zwingen lassen. Darum, Arbeiter aus! Wir wollen beweisen, wie die größte Mehrheit der Bauarbeiter denkt. Rufen wir die Behörden zum Schutze der Arbeiter auf. Freitag nachmittag unr 2 Uhr ver-. sammeln wir uns alle im Löwenhaus und ziehen von dort zum Statthalter und zum Bürgermeister, um unsere Wünsche durch unsere Vertreter vorzutragen. Aus, Arbeiter! Erscheint alle, um diesen Vorstellungen durch! Euere Gegenwart Nachjdruck zu verleihen. Das Komitee. ". Dem Aufrufe wurde gestern von den christlichsozialen Bauarbeitern in ziemlich reicher Zahl Folge geleistet. Es fanden sich über 1000 Personen im Garten des „ Löwenhauses " ein. Als Regierungsvertreter erschien Oberkommissär von Sabvansky am Platze. Gegen halb 3 Uhr ergriff oer Arbeiterführer Franz Ulreich aus Wien das Wort und richtete an die Versammlung folgende Ansprache: „Kollegen! Ihr wißt alle, warum es sich handelt. Wir wollen durchs unseren Umzug kundgeben, daß wir nicht ausgesperrt werden wollen, weil eine Kategorie von Arbeitern um die Erreichung besserer Lebensbedingungen kämpft. Wir wollen durch unseren Umzug Eindruck machten. Hiezu ist es aber notwendig, daß sich jeder unbedingt ruhig verhält. Wir gehen zuerst zur Statthalterei, dann zum Bürgermeister, überall wird eine Deputation vorsprechen, und wenn wir fertig sind, kommen wir wieder im „Löwenhaus " zusammen. Wir werden dann das Resultat unserer Schritte und die Antworten, die uns zuteil wurden, verkünden. " ( Bravorufe.) Friseur Signorelli übersetzte die Ansprache ins Italienische, sodann ordnete man sich ' znm Zug. Es waren auch Sozialdemokraten erschienen, doch verhielten sie sich als ruhige Zuschauer. Nur hin und wieder hörte man während des Ganges zur Hofburg höhnische Zwischenrufe. So rief ein Geselle den im Zuge befindlichen Christlichsozialen Arbeitern zu: „ Ihr sollt Rosenkranz und Kreuz tragen und für die Meister wallfahrten gehen! " „Ihr Habt wohl vor recht schön zu bitten, daß man Euch Weiterarbeiten läßt! ", u. s. f. Vor der Ho ^ urg angekommen, machte der Zug Halt. Eine fünfgliedrige Deputation, bestehend aus den Herren Ulreich ( Wien), Ladner, Haidegger, Vögele und Krabichler begab sich sodann zu dem im Statthaltereigebäude amtierenden StatLhaltereivizepräsidenten Baron Spiegelfeld und wurde von diesem freundlich empfangen. Baron Spiegelfeld zeigte sich « in der Angelegenheit sehr versiert und versicherte, er wolle sein
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 12. Mai 1906, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7978-christlichsoziale-bauarbeiter-gegen-aussperrung-umzug-zum-1906).

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