Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NETZE IM NAMEN DES SCHUTZES

Einrichtung eines Vogelwarts in Hamburg und Kritik an grausamen Fangmethoden in Italien

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 14. August 1906 · Seite 8 · #Vögel
Vogelfang und Vogelschutz. Die hamburgische Regierung hat die Am stellung eines besonderen staatlichen Vogelwarts beschlossen, zu dessen Aufgabe die Beaufsichtigung vorhandener und die Ausführung neuer Einrichtungen im Interesse des Vogelschutzes gehört. In dem soeben erschienenen Jahrbuch des Internationalen Frauenbundes für Vogelschutz wird der unsinnige, gemeinschädliche Vogelmord eingehend geschildert. Es gibt nichts Raffinierteres, man möchte sagen nichts Unnobleres, als die Art, wie ^ verschiedene Völker die höhere Intelligenz des Menschen " ausnutzen, um harmloser Geschöpfe elenden Gaumenkitzels wegen habhaft zu werden. Dieser Verheerungskrieg wird hauptsächlich in Italien, Dalmatien, Marokko, Ägypten, der Türkei, Amerika und Belgien geführt. Ganz besonders aber ist es Italien, wo man dieser Unsitte frönt, und in Italien betreibt man den Massenfang am grausamsten und nachhaltigsten, weil er hier gewissermaßen organisiert ist. Das Hauptfanggerät ist der sogenannte „ Roccolo ". Unter dieser Bezeichnung versteht man einen von hohen Bäumen und mit einer 3 bis 4 Meter hohen Gesträuchwand umgebenen freien Platz. Der seitliche Laubengang ist mit einem Hanfnetz überzogen, ähnlich denjenigen, die zum Fischfang gebraucht werden. Dieses Netz ist jedoch nicht fest, sondern bildet eine Menge von Taschen, groß genug, daß eine Schwalbe oder ein anderer Zugvogel sich darin verfangen kann. Unter diesem Hanfnetz befindet sich ein Drahtgitter, dessen einzelne Felder zirka 20 Zentimeter im Quadrat messen; das locker darüber gespannte Netz biDet nun in jeden: solchen Quadrat einen Sack Fliegt nun ein Vogel ahnungslos gegen das Netz, so fällt er mit dem Kopf zuerst in einen der Säcke und verfängt sich darin bei dem Versuch, Wieder herauszukommen. Er toijrb * in den Maschen gefangen. Und mit welch raffinierten Mitteln werden die Vögel zu ihrem Massengrab gelockt! Auf dem mit Rasen bedeckten Boden tummeln sich Vögel jeglicher Art, die durch Abschneiden eines Flügels zu Invaliden gemacht wurden; Sperlinge, Stieglitze, die gut hüpfen können, werden an einem Bein festgebunden, damit sie umherspringen, aber nicht über das Netz hinauskommen können. Innerhalb der Laube selbst sind in kleinen Käfigen geblendete männliche Singvögel aufgehängt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 14. August 1906, S. 8, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8037-einrichtung-eines-vogelwarts-in-hamburg-und-kritik-an-grausamen-1906).

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