Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NÄHMASCHINE UND ARME ERINNERUNG

Zum Jubiläum der Nähmaschine und des Fahrrades – Erfinder in Armut, Denkmäler in Ehren

(Zum Jubiläum der Nähmaschine und des Fahrrades.) Im Jahre 1606, also gerade vor hundert Jahren, machte der in Wien ansässige Schneider Josef Madersperger die ersten gelungenen Versuche mit einer von ihm konstruierten Nähmaschine. Acht Jahre später verbesserte Thimonier in Paris dieses System, konnte aber die Maschine nicht zur Einführung bringen. So datiert der Gebrauch der Nähmaschinen erst aus dem Jahre 1846, also 60 Fahre, wo der Mechaniker Howe in Massachusetts fein „ Schiffchen - System " patentieren ließ. Er hoffte in England seine « Erfindung zu verwerten, und mußte, um die Reise dahin bestreiten zu können, als Schiffskoch Dienste nehmen. Seine Anstrengungen, Kapitalisten zu gewinnen, waren jedoch vergeblich; so kehrte er wieder nach Amerika zurück und fand andere, eben damit beschäftigt, seine Erfindung auszubeuten. Er strengte einen Prozeß gegen die unbefugten Nachahmer an, diese wurden verurteilt, ihm für jede in Amerika verkaufte Maschine 14 Dollars zu bezahlen, wodurch er bei der sich entwickelnden Massenproduktion ein reicher Mann wurde. Nach Deutschland kam die Nähmaschine im Fahre 1856. Der eigentliche Erfinder der Nähmaschine Madersperger war aber mittlerweile, 1839, in tiefster Armut gestorben, und es dauerte über ein halbes Jahrhundert, bis man ihm in seinem Heimatorte Kufstein, 1906, ein Denkmal setzte und eine Gasse nach ihm benannte. Er teilte dieses Schicksal mit einem zweiten Erfinder, dem Forstmeister Karl Drais, Freiherr von Sauerborn, der vor gerade 90 Jahren ( 1816) mit dem ersten von ihm hergestellten Fahrrad ( Draisine benannt) durch die Straßen von Mannheim fuhr, als Spottfigur des Pöbels. Auch Drais ' starb verarmt, in Karlsruhe 1851, erhielt aber dort 1891 ebenfalls sein Denkmal. Recht schlimm erging es auch dem Wiener Schlossermeister Hoffmann, dem Vater des vor einigen Jahren verstorbenen Landschaftsmalers Josef Hoffmann, der 1832 mit einem von ihm erfundenen ° „ Dreirade " Probefahrten veranstaltete und dem man androhte, ihn in das Irrenhaus zu sperren, wenn er feine Versuche nicht sofort einstelle.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. November 1906, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8086-zum-jubilaeum-der-naehmaschine-und-des-fahrrades-erfinder-in-armut-1906).

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