Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
EHEREFORM MIT DONNERNDEN HEILRUFEN

Für die Wiederverheiratung der Geschiedenen – Appell an die Ehereform in Österreich

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 19. November 1906 · Seite 7 · #Zivilrecht
Das Eheband bleibt trotz der letzteren ausrechterhalten und dies nicht nur, wenn die Betreffenden Katholiken sind, sondern auch wenn sie es einstmals waren. Dies kommt aber einem Verbot der Wiederverheiratung gleich Unter Heiterkeit und großem Beifalle führte der Redner einige aus unserer Ehegesetzgebung entspringende Kuriosa an und betonte, daß Abhilfe dringend not tue.. Der Vorwurf, daß durch eine Reform die sittliche Kraft des Volkes und die heiligsten Familienbande zerstört, ja sogar die freie Liebe eingeführt würden, sei so albern, daß man sich damit nicht zu befassen brauche. Wenn aber auf die unglückliche Frau und auf die verwaisten Kinder hingewiesen wird, so ist zu bemerken: 1. Die Ehe kann nur unter rechtlichen Formalitäten getrennt, respektive geschieden werden. Eine Änderung dieser Formalitäten hat die Reformpartei nicht beantragt. Sie wünscht nur, daß den Geschiedenen nicht verwehr treibe, eine neue Ehe einzugehen. 2. Mit jeder Trennung oder Scheidung ist nach! dem ' Gesetz eine vermü gensrechtliche Auseinandersetzung verbunden, bei welcher die Behörde die Interessen der Frau und der Kinder zu wahren und aus deren weitere Versorgung bedacht zu sein hat. Auch ' diese Bestimmungen sind von der Ehereformpartei nicht angefochten worden. Wenn man die geschiedene Frau als solche bedauert, so ist es geradezu eine Komödie, ihr die Wiederverehelichung vorzuenthalten, weil man sie dadurch ja gesellschastlich! förmlich boykottiert. Wie man in Frauenkreisen selbst denkt, das zeigt die Petition des großen österreichischen Frauenvereines, welche für die Eheresorm Eintritt. Jü den Meisten Staaten n. a. auch in Ungarn ist die Lösbarkeit der Ehe und die Wiederverehelichung anerkannt. Nicht anerkannt ist sie derzeit noch in Spanien, dann in Italien, in Portugal und in den in unserem Reichsrate vertretenen Ländern bezüglich der Katholiken. In allen anderen Staaten hat sich die katholische Kirche mit der Gewährung der Wiederverehelichung abgefunden. Redner verbreitete sich zum Schluß noch darüber, warum man bei uns der Ehereform so großen Widerstand entgegensetzt und forderte unter donnerrrden Heilrufen und minutenlangem Beifall zum Kulturkampf in Österreich auf.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. November 1906, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8087-fuer-die-wiederverheiratung-der-geschiedenen-appell-an-die-1906).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Gerichtswesen & Prozesse“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |