Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROLER IN SCHLESIEN MIT ALTEM AKZENT

Tiroler Ansiedlung in Schlesien und Erhaltung der heimatlichen Sprache

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 9. Februar 1907 · Seite 21 · #Andere Länder
(Die Tiroler in Schlesien.) In den Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde H. ft XVI., 1906, untersucht Tk. Siebs die Sprache der Tiroler, die sich inmitten des schlesischen Rleiengebirge », in den Kirch ' pielen Erdmannsdorf und Sei» dorf, vor fast 70 Jahren angesiedelt haben. Er waren Zillertaler Protestanten, die sich seinerzeit an den König von Preußen mit der Bitte wandten, ihnen als seinen Glaubensgenossen eine Zufluchtsstätte zu geben. F iedrich Wilhelm III. gewährte sie durch seinen Erlaß vom 13. Juli 1837. In sechs Abteilungen kamen die Tiroler, über 400 Mann stark, in Schmiedeberg an. Sie stammten aus der Pfarre Zell, Mayrhofen, Brandberg, Finkenberg, Hippach. Im Jahre darauf geschah, nachdem größere Flächen — insgesamt 1600 Morgen — auf dem Dominium ErdmannSdorf und bei Seidorf erworben waren, die eigentliche Ansiedlung. Die „ Tiroler Häuser " wurden fertiggeftellt. Jede Person soll der Regierung 340 Tüer oder 510 Gulden ö. W. Ausgaben verursacht haben. Die Ansiedlungen erhielten die Namen Nieder» und Mrttelzillenal. Wie einst daheim widmeten die Auswanderer ihre Arbeit der Milchwirtschaft, Viehzucht und Gärtnerei und leisteten bald Bessere » als ihre nächsten schlesischen Nachbarn. Lange Zeit auch kleideten sie sich noch nach heimischer Art. Jetzt frei! ch wird die alte Tracht fast nur noch in der Truhe bewahrt. Doch manches in ihrer Lebensweise haben die Tiroler treu bewahrt bis aus den heutigen Tag, vor allem die Sprache der alten Heimat. Allerdings reden sie mit Fremden Schriftdeutsch und wissen sich auch in der schlesischen GebirgSmundart auszudrücken, unter einander aber sprechen sie nur tiroleriich, und zwar haben sie es so erhalten, daß lautliche Unterschiede in der Sprache der verschiedenen Altersstufen nicht wahrzunehmen sind, geschweige daß ein Einflnß der schlesischen Lautverhältnisse sich bemerkbar macht. Am Schlüsse der für die Dialeklkunde wichtigen Lautskizze läßt Siebs als kleine charakteristische Probe natürlicher, ungekünstelter Sprache einen kurzen Bericht über tägliches Essen und Trinken der Tiroler folgen, den wir in gewöhnlichen Lettern hier wiedergeben: Zmoagnscht ( zu morgens) gent se zeacht (zuerst) u de Oabate ( Arbeit); oft gent se Foamasessn ( Frühstückessen; entstanden aus „ Vorimlnß "); oft gent se mer ( weiter) oabatn bis zum Mitoge unt rft ess nt se Mitog: hauptseachlach Michköch ( Milchbrei), Ramköch, Kropf ' n, Straub ' m, Nökchng ( Klöße). Oft oabar ' nt se mer waitr bis zum Untang ( anderwärts Untarn - Vesperbrod); decht ( da) hob ' mt se a Milch und a Broat derzüe. Oft oabat ' nt se mer bis Knochts ( Abends), decht ess ' nt se mer a Milchköch.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 9. Februar 1907, S. 21, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8137-tiroler-ansiedlung-in-schlesien-und-erhaltung-der-heimatlichen-1907).

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