Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
DIE LYRIK DES TODES IN DEN ALPEN

Anton Renk, Dichter der Tiroler Berge, aus dem Leben gerissen durch Brustübel

Serke 17. Anton llenk. Ein literarisches Charakterbild. Anton Renks „ Gedichte " *) sind weitaus das Bedeutendste, was uns die deutsch österreichische Lyrik der letzten Jahre, man könnte fast sagen des letzten Jahrzehnts, beschert hat. Denn der lyrische Nachlaß Adolf Pichlers gehört im wesentlichen zeitlich doch einer sehr viel älteren Periode an. An ihn, den Altmeister, haben die jungen Tiroler Dichter, sofern etwas Tüchtiges in ihnen steckt, angeknüpft. Wer wollte wohl leugnen, daß auch Anton Renk im Schatten der wuchtigen Dichtergestalt Pichlers steht? Daß er gleichwohl nicht von ihm erdrückt wird, vielmehr,, ebenso wie der hochbegabte Arthur von Wallpach, sich neben ihm in Ehren behauptet, ist gewiß eine schwerwiegende Empfehlung. Die knorrige, alte Eiche überragt zwar den ganzen jungen Nachwuchs, aber es hat doch kerniges, gesundes Hartholz unter diesem, das sich noch in Sturm und Sonne zu stolzerem Aufwuchs emporrecken kann. Anton Renks Lebensarbeit liegt nun allerdings heute abgeschlossen vor uns. Ei. n tückisches ' Brustübel hat ihn uns am 2. Februar vorigen Jahres geraubt. Der liederfrohe Mund hat sich geschlossen. Der Tod hat den Dichter aus seinen heißgeliebten Bergen abgeholt. Sie waren sich wohl schon früher beide gegenseitig auf der Spur. AMon Renk hat ihn nicht gefürchtet, er ist iym mit dem Eispickel in der Faust entgegengetreten und auch mit dem Stift in der Hand sinnend nachgegangen dorthin, wo er seine Ernten gebettet hat: in die Bergfriedhöfe Tirols. Anton Renks „Tod in den Alpen" gibt uns davon Kunde. Und da können wir denn auch gleich ein charakteristisches Merkmal dieser interessanten Dichterpersönlichkeit festhalten. Trotz eines, namentlich in der Jugendperiode Renks unverkennbaren leisen Anfluges rhetorischer Züge, die übrigens mit dem reifenden Lebensernst zusehends zurücktraten, hat dieser Dichter stets aus dem Leben heraus und für das Leben geschaffen. Darin ein getreuer Schüler Adolf Pichlers, mit dem ihn auch jener bedeutsame Zug verbindet, daß er bei aller Freude an Klang und Farbe, die er mit seinem großen Vorgänger teilt, niemals in das bloß Artistische und Dsthetisierende verfällt. Seine Kunst ist keine äußerlich dekorative Hervorbringung seines Lebens, sie wurzelt in seiner starken, lauteren Persönlichkeit. Wo die Dichtung in dieser Weise organisch aus einem Leben hervorwächst, von innen heraus mit dem unbefangenen Zwange des Natürlichen, da sind die elementaren Bedingungen für ein Bedeutendes gegeben. Im schönen Klingklang sind unserem Anton Renk gewiß manche der kühl fassettierenden Artisten der Wiener Schule überlegen, man braucht ihn aber nur in seiner ernsten, ehrlichen und gedrungenen Gesamterscheinung auf sich wirken zu lassen, um unmittelbar zu erkennen, was es mit jener inneren Einheit auf sich hat, in welcher der Schöpfer mit seinem Werk zusammenstimmt. Kühl stilisierende Dichter mögen bisweilen das dröhnende Pathos der Renk ' schen Lyrik belächeln. Mit Unrecht; denn es ist ihm bitterer Ernst mit seinem dionysischem Schwünge, dieser Mann hier posiert keine Lewen und Freuden, es ist sein zuckendes Leben, das er in seinen Dichtungen lebt, unbekümmert um die äußeren Wirkungen. Er hat, was Konrad Ferdinand Meyer einmal mir gegenüber als die Hauptsache bei einem Lyriker bezeichnet: lyrisches Herz!
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. März 1907, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8158-anton-renk-dichter-der-tiroler-berge-aus-dem-leben-gerissen-durch-1907).

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