Seite 17. Blindenunterricht. Zur Eröffnung des zweiten Jahrganges des Tirolisch vorarlbergischen Minden - Lehr und Erziehungs - Institutes. Eon Franz Th urner. Blind! — Welche Fülle von Entsagung liegt in die ' i einzigen Worte, welch innige Teilnahm. ' erfaßt den Menschenfreund beim Anblicke desjenigen, der des edelsten Sinnesorganes — des Auges — beraubt, daher bestimmt ist, zeitlebens nr Finsternis zu wandeln! Weit freundlicher gestaltet sich Wohl das Los dieser Schwergeprüften, wenn es ihnen gegönnt ist, schon im jugendlichen Alter in einer Minden - Erziehungsanstalt Aufnahme zu finden. Ist es doch dem von wahrer Nächstenliebe geleiteten Scharfsinne des menschlichen Geistes gelungen, Mittel und Wege zu finden, den vom Schicksal so stiefmütterlich bedachten Minden durch einen rationell geleiteten Unterricht sowohl in intellektueller Beziehung auf eine anerkennenswerte Stufe zu bringen, als ihm auch durch Unterweisung in einem entsprechenden Handwerke das Mittel in die Hand zu geben, sich nach vollendeter Bildungszeit auf ehren- ^hafte Weise das Notwendigste für den Lebensunterhalt erwerben zu können. Damit ist auch das ideale Ziel gekennzeichnet, welches die modernen Blindeninstitute verfolgen. Wohl dem blinden Kinde, wenn sich ihm die Pforten einer Blindenanstalt öffnen, wo es durch eine Reihe von Jahren seinen Geist und Körper bildet, wo ihm leicht wird, durch Pflege seines Geistes, wo es durch Aneignung wichtiger Handfertigkeiten einem Gewerbe zugeführt und in den Stand gesetzt wird, nicht wie ehedem und als geborner Bettler der Gesellschaft zur Last. fallen zu müssen, sondern sich als brauchbares Glied der großen Menschenfamilie nützlich zu erweisen. Tirol und Vorarlberg zählten bis zum Vorjahre zu denjenigen Ländern in Österreich, die jeder Blindenfürsorge bar waren. Dank der Opfer- Willigkeit Weniger gelang es, das Land aus der tiefen Schuld gegenüber seinen Blinden zu reißen und ein Blinden - Erziehungs- Jnstitut zu begründen. Es ging viel Mühe und Arbeit darauf, doch lohnte sich dieselbe, wie die erste Prüfung im Institute bekundete. Es gibt viele Menschen, die die Bestrebungen auf dem Gebiete der Blindenfürsorge in erziehlicher Richtung nicht kennen, die keine Ahnung haben, welche Ziele die moderne Minden - Pädagogik verfolgt. Am deutlichsten hat diese Frage der dritte Blindenlehrer - Kongreß in Berlin ( 1879) beantwortet und mit den Worten ins Auge gefaßt: „Tie Aufgabe der Blindenbildung ist die Erziehung des blinden Zöglings für einen seinen Fähigkeiten entsprechenden
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 26. September 1908, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8454-eroeffnung-des-zweiten-jahrganges-des-tirolisch-vorarlbergischen-1908).
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