Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROL OHNE LANDFAHRER-UNTERSTÜTZUNG

Fehlen der Naturalverpflegsstationen in Tirol verursacht moralische Schäden

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 21. Oktober 1908 · Seite 2
Auch dieser Punkt, der am brausen - « den Tramosabach aus einer übergrünten Abteilung wegen Landstreicherei fast unvermeidlich wird. In noch viel höherem Maße aber als die besprochene Härte unseres Gesetzes ist die bei uns herrschende Mangelhaftigkeit einschlägiger Wohlsahrtseinrichtungen für die moralische?. Schäden der gerichtlichen Behandlung der „ Landstreicher " verantwortlich zu machen. Als das segensreichste und zweckdienlichste dieser Wohlfahrtsinstitute hat sich jenes der sogenannten NaturalverpfLegsstati 0 nen erwiesen. Diese wurden bei uns in Österreich etwa in der Mitte der Achtzigerjahre geschaffen und zwar im Wege der Laudesgesetzge 0 ungeu; unser Tirol ist leider bis heute noch dem güten Beispiele mehrerer anderer Krouläuder des Staates nicht gefolgt und entbehrt somit noch dieser wahrhaft segensreichen, für die ansässige Bevölkerung kaum minder, als für das Volt der Landfahrer wohltätigen Einrichtung. Es ist hier nicht der Raum, die Anlage, die innere Einrichtung und den Betrieb einer solchen Naturalverpflegsstation des näheren zu erörtern; es genügt, ihren Zweck und Charak ter mit wenigen Strichen anzudeuten. Die zuerst in Württemberg eingeführten Naturalverpslegsstationen bezwecken im allgemeinen arbeits und mittellosen Personen ohne Unterschied der Zuständigkeit Unterstand zu gewähren, ihnen von Fall zu Fall, von einem Marschtage zum anderen Atzung und Nachtquartier zu bieten und ihnen Fach oder Gelegenheitsarbeiten zu vermitteln. Die Stationen sind in solcher örtlicher Entsernung von einander angeordnet, daß es dem Landfahrer möglich ist, von der einen zur anderen in einem Marsche ohne Inanspruchnahme der privaten Mildtätigkeit zu gelangen. In den Stationen erwartet ihn einfache ausreichende Kost und anständiges Nachtlager; beides muß er sich aber erst durch eine entsprechende Arbeitsleistung in der Station verdienen. Geistige Getränke werden in keinem Falle verabreicht, der Aufenthalt in den einzelnen Stationen darf nur so lange dauern, bis der Landfahrer sich durch Ruhe und Nahrung zum weiteren Marsche gekräftigt hat. Die Nächstliegende Station wird ihm bei seinem Abgang genau < bekanntgegeben, seine Ausweispapiere, welche ihn: beim Besuche der Station ab genommen wurden, erhält er mit der Bestätigung der Inanspruchnahme der Station zurück. In jeder Station kann er erfahren, ob sich für ihn in derem Bereiche dauernde Arbeit findet, da diese beauftragt ist, Anfragen nach Stellungsuchenden dntgegenznnehmen und zu sammeln. Die Kosten der Verpflegsstationen werden nach verschiedenen Ansteilnngsarten von der Allgemeinheit getragen; sie sind viel nutzbringender
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. Oktober 1908, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8470-fehlen-der-naturalverpflegsstationen-in-tirol-verursacht-moralische-1908).

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