Seite 17. Die Heimkehr der Tiroler Hütekinder aus dem Schwabenland. Von Reichsratsabgeordneten S. Abram. Im Vereine mit Herrn Snoy aus Meran und dem Arbeitersekretär Ertl aus Dornbirn fuhr ich am 28. Oktober früh nach Friedrichshafen am Bodensee, dem Sammelplatz der Hütekinder, um einmal mit eigenen Augen diesen unwürdigen Sklavenhandel anzuschauen. Und wahrhaft, alle drei erklären wir, nie etwas Menschenunwürdigeres gesehen zu haben. Seit frühem Morgen lungerten zahlreiche Kinder, darunter noch nicht 10jährige, in den Straßen herum. Die Bauern bringen die Kinder zeitlich früh in die Stadt und nur einen einzigen Arbeitsgeber konnten wir beobachten, der bis zur Ankunft der Geschäftsführer des Hütekindervereins, der Landecker Geistlichkeit, bei seinem Hütekind, einem etwa 10jährigen Mädchen, blieb. Alle übrigen waren vor und nach Ankunft der Geistlichen allein, weil ja diese von Ravensburg kommend, mit. Geldwechseln und Fahrtvorbereitungen zu tun hatten. Stundenlang saßen die Kleinsten völlig unbeweglich und trübselig auf ihren Kleidersäcken. Widerlich und beschämend für Tirol und die Veranstalter dieses Sklävenverkaufes war das Treiben jener größeren Kinder, die schon uäederholt im Schwabenland „ dussa " gewesen flnd. Unter Gejohle, Schreien und Mundharmonika - Spiel durchzogen sie die Stadt, alle eine Zigarre in der Hand, die findige Geschäftsleute den Kindern bei ihren Einkäufen schenkten, nachdem sie sich freilich früher durch eine ganz gewissenlose Übervorteilung diese elenden, nur ratenweis zu rauchenden Zigarren doppelt und dreifach bezahlen ließen. Viele größere Buben, die den ganzen Tag nur von dem mitgegebenen kalten Mundvorrat lebten und dazu ungewöhnlich zechten, waren stark angeheitert. Kaum 14jährige Mädchen und nicht viel ältere Bürschchen liebelten ganz ungeniert zum Gaudium der gedankenlosen Gaffer auf offener Strafte, ja selbst vor dem Wirtshause zum „ Goldenen Rat ", wo das geistliche Komitee seine Geschäfte verrichtete. Vielen Kindern konnte man einen erschreckenden Grad von Roheit und sittlicher Verwahrlosung von den Augen ablesen. Wer jedoch weiß, wie und unter welchen Verhältnissen die Kinder fern vom Elternhause den Sommer verleben, wird dies begreiflich finden. Alle Kinder, die wir fragten, erklärten, daß sie jeden Tag um halh vier Uhr früh, während der Heuernte um drei Uhr aSfstehen mußten und zwischen 8 und 9 Uhr abends erst schlafen gehen durften. Jeden Tag unausgeschlafen und zumeist im Stall beschäftigt, beobachten diese sinnlich gereizten Kinder viel zu früh das Geschlechtsleben der Tiere, und wenn man dabei an das schlechte Beispiel denkt, daß die erwachsenen Dienstboten durch unflätige Redensarten den Kindern geben, kann man sich die Vorgänge selbst vorstellen, die sich auf einsamen Weideplätzen und in den geschlossenen Unterstandswagen zwischen Hütebuben und -Mädchen abspielen. Auch wir konnten uns das rohe und freche Benehmen vieler Kinder während des Tages und am Abend beim Einschiffen erklären. Die Ankunft in Bregenz und die Behandlung der Kinder durch die Leiter, läßt es als einen Skandal erscheinen, daß die Regierung den Transport der Hütekinder nicht bewacht. Wie das Vieh wurden die Kinder in die Wägen zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges hineingepreßt, und mit einer warmen Wurst und einem Brot, das einzigemal während des ganzen Tages und der Nacht durch den Verein abgespeist. In einem großen Krautkübel brachte ein Bregenzer Metzger die Würste auf einen kleinen Brückenwagen und führte sie zu den Waggons, in denen die Kinder gleich den Tieren einer Menagerie eingepfercht waren und aus denen sie schreiend und bittend ihre Hände streckten.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 31. Oktober 1908, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8479-unwuerdiger-zustand-der-tiroler-huetekinder-in-friedrichshafen-1908).
Jänner 1908. im Oktober. Me Fälle verteilen sich wie folgt: Ausrückungen bei Unfällen 37, Krankentransporte 34, Hilfeleistungen im Wachzimmer 15, bei fliegenden Ambulanzen 1, blinder Lärm 1. Vom 1. Oktober bis 31. Dezemb …
Aus Stadt und Land. (K. u.?. Hoflieferant.) Durch einen Bescheid vom 24. Dezember 1907 wurde dem Herrn Magister der Pharmacie Heinrich Weiser, Besitzer und verantwortlicher Leiter der Antt Schöpferischen Hof und Stadtapo …
Personalien, Ehegesuche. (Das städt. ArbeitsvermLttlungsamt) versendet zum erstenmale einen Tätigkeitsbericht über seine Ergebnisse von 1901 bis Heuer; aus den Tabellen und einer graphischen Darstellung ergeben sich betr …
(Die 7 Uhr - Ladensperre.) Die von uns bereits auszugsweise mitgeteilte Resolution^ welche in der Versammlung der Genossenschaft der Handelsgewerbe im Gasthofe zum „ Weißen Kreuz " in Innsbruck am 23. d. M. über Antrag d …
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