Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
FAUST OHNE BÜHNENZAUBER

Gastspiel der Münchener Hofschauspieler mit Goethes „Faust“ im Innsbrucker Stadttheater

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. April 1909 · Seite 6
Das Gastspiel der Münchener Hofschauspieler. (F a u st.) Herr Direktor Häusler vom Augsburger Stadttheater veranstaltete vorgestern und gestern Schauspielabende im Innsbrucker Stadttheater und zwar in der Form eines samtgastspieles kgl. bayer. Hofschckuspieler aus München. Es ist eigentlich überflüssig, erst ausdrücklich festznstellen, daß die Darstellung durch die Münchener Schauspieler auf einem weit höheren Niveau steht, als wir sie in der verflossenen Spielzeit zu genießen hatten. Als besonders erfreulich ist ja auch zu verzeichnen, daß man dem Münchener Ensemble gegenüber mit einem schärferen Maße messen darf und nicht das degradierende Wort „ verhältnismäßig" gebrauchen muß. Diese Konstatierung schließt natürlich großes Lob in sich, wenn schon sich sozusagen Unstimmigkeiten ergaben, die eben bei einem Ensemblegastspiel nicht ganz vermieden werden können. Am Ostersonntag wurde Goethes „ Faust " ( Der Tragödie erster Teil -, mit dem Prolog im Himmel) gegeben. Bei den unzulänglichen technischen Mitteln, die der Innsbrucker Bühne zur Verfügung stehen, konnte auch die treffliche Münchener Regie ( Regisseur Herr Friedrich Basil) und Inszenierung nichts Vollkommenes bieten. Was jedoch sonst möglich war, geschah. Der Prolog wurde gut gesprochen, nur der Herr Erzengel Michael entwickelte ein Übermaß an Pathos, das seiner Deklamation Eintrag tat. Eine grandiose Leitung. war der Dr. Heinrich Faust des Herrn rau mann, der jedenfalls der beste Sprecher des Ensembles ist. Ihm gall der größere Teil des enthusiastischen Beifalls, in den das vollund dichtbest ^ te Haus bei jeder Gelegenheit ausbrach, in erster Linie. Ihm zunächst ’ sei der Mephistopheles des Herrn Steinruck nannt, der seine Rolle mit seiner und gewissen - ^ Hafter Konsequenz, bis ins Detail ziseliert, durchführte. Er mied jede Übertreibung und wenn es Leute im Theater gab, die in der vollendeten Wiedergabe des Mephistopheles ^ Spaßmacherei und Anlässe zu Heiterkeitsaus - " brüchen sahen, so kann dies nicht genug bedauert werden. Solche Leute sollten doch lieber wo anders hingehen. Das Gretchen stattete Fräulein Loßen mit zu viel Herbheit aus, die Stimmungsübergänge waren zu unvermittelt, sie unterließ die untermalende Pointierung der Motive. Dies zeigte sich besonders anfangs, dann wuchs ihre Darstellung allerdings. Aber dieses Gretchen ist Geschmackssache. Cs hat viel zu viel Stiche ins Heroinenhafte. Prächtig gespielt wurden die Szenen in Auerbachs Keller. Besonders zu nennen ist da der Branden des Herrn Schwaneke. Tadellos war die Hexe des Herrn Traut sch. Außerdem seien mit voller Anerkennung Frau onrad - Ramlo ( Martha) und die Herren Rasp ( Wagner), Ulmer ( Valentin) und Otto König ( Siebel) genannt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. April 1909, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8554-gastspiel-der-muenchener-hofschauspieler-mit-goethes-faust-im-1909).

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