Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BETTENDE BETTLER IN DER KALTEN ZEIT

Drohung eines Kärrners mit Messer gegen Sicherheitswachmann in Hall

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 20. Jänner 1911 · Seite 10
Gerichtszeitung. ( „ KarrnerleuIV ') Der am 15. April 1864 in Silz. geborene Alois Prantl ist von Berus Korbflechter und gehört der heimischen Species der Dörcher, auch Kärrner oder Laninger genannt, an. Ta diese Leute im Winter infolge der Kälte gezwungen sind, ihr Nomadenleben bis zum Früh. ähre aufzugeben, sich aber nicht dazu verstehen können, sich anderweitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen, so ziehen sie es häufig vor, den Winter über aus Staatskosten zu leben. Man stellt einfach irgend etwas an und läßt sich dann die paar Monate einsperren. Solche Erwägungen dürften Prantl zu einer Handlung bewogen haben, die ihn auf die Anklagebank des hiesigen Landesgerichtes brachte. Am 27. Dez. kam Prantl in das Geschäft der Paula Moser in Hall und bettelte die im Laden anwesende Geschäftsinhaberin, die den Mann nicht im geringsten kannte, um — zwei Kronen an, wobei er sich äußerst zudringlich und frech benahm, weshalb er, natürlich ohne etwas erhalten zu haben, aus dem Laden gewiesen wurde.. Hiebei wurde er von dem Wachmanne Josef Leitner bemerkt, der in einem in der Nähe befindlichen Hause gerade dienstlich zu tun hatte. Als nun Leitner zurückkam, bemerkte er Prantl v. r einem anderen Hause stehen. In demselben Augenblicke trat Frau Moser vor ihren Laden und rief dem Wachmanne zu, er möge den Prantl nur mitnehmen, er habe bei ihr gleich um zwei Kronen gebettelt. Wachmann Leitner kündigte nun dem Fechtbruder seine Verhaftung an, der dieser auch ganz willig Folge leistete. Auf dem Transporte zum Arreste äußerte sich nun Prantl dem Sicherheitswachmanne gegenüber: „ Am 24., am heiligen Abend, habe ich immer auf Dich gepaßt, um Dir den Garaus zu machen; es ist ein Glück, daß Du die Weihnachtsfeiertage noch erlebt hast. Aber wenn ich wieder herauskomme, werde ich das Versäumte nachholen. Dich mache ich noch gewiß kalt. " Als die beiden nun vor dem Arreste an eine schwach beleuchtete Stelle — es war etwa 6 Uhr abends — gekommen waren, blieb der Landstreicher mit den Worten: „ So, hier ' wäre ein günstiges Platz.!, es nachzuholen ", stehen. Er griff nun mit der Hand in eine Tasche, wie um ein Messer hervorzuholen, worauf er sich neuerdings mit drohenden Worten gegen den Wachmann wandte..
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 20. Jänner 1911, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8837-drohung-eines-kaerrners-mit-messer-gegen-sicherheitswachmann-in-hall-1911).

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