Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KINDER AUF DER FLUCHT NACH SCHWABEN

Kritik an der Einrichtung des Kindermarktes im Schwabenland

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 10. April 1912 · Seite 17
Seite 17. - Der Kindermarkt zu Friedrichshafen. Man schreibt unZ: Ich kt & e schon viele Berichte über ReseZ Thema gelesen,. aber nach meiner Ansicht waren es immer solche, deren Verfasser nur vom Hörensagen darüber geschrieben haben und die das Leben im Schwabenlande nie an ihrem eigenen Leibe verspürt haben. Was meine Person betrifft, so spreche ich aus Erfahrung; denn ich war selbst 7 Jahre ein Schwabenbube und zwar Zu einer Zeit, wo es noch keinen Hütekinderverein gegeben hat. Die Verhältnisse von damals und heute sind dieselben geblieben, nur mit dem Unterschiede, daß heute die Kinder per Bahn und Dampfschiff befördert werden, während früher der weite Weg per xeckes Apostolorum zurückgelegt werden mußte; sonst hat sich nichts geändert. Bewundernswert ist, daß meistens gerade die Eltern ihre Kinder ins Schwabenland schicken, die in ihrer Jugend so reiche Erfahrungen von dort in ihre Heimat zurückgebracht haben. Aber noch mehr erstaunt muß man sein, daß gerade geistliche Herren an der Spitze eines Vereines stehen, der schon längst nicht existenzberechtigt wäre, und zwar deswegen, weil es eben int 20. Jahrhundert keine Tiroler Schwabenkinder mehr geben sollte. Denn was diese Kinder alles mitmachen müssen, das können nur solche erzählen, die es selbst miterlebt haben, abgesehen von dem Heimweh, das jedem Tiroler angeboren ist. Für einen Tiroler, der sich im Auslande aufhält, ist es geradezu beschämend, solche Kindertransporte mitansehen zu müssen und wie weh muß es einem tun, wenn man aus dem Munde dieser Kinder Reden zu hören bekommt, die sich nicht einmal für Erwachsene schicken. Ich will gewiß nicht den schwäbischen Bauernfamilien die Schuld an der sittlichen Verrohung der Kinder beimessen; die Hauptschuld an diesem Übelstande trägt der Umgang mit den Knechten und Mägden. Ich glaube nicht, daß es in Tirol schon so schlecht bestellt ist, daß man für diese Jungen keine Beschäftigung finden könnte. Wenn man wollte, brauchte man diese armen Geschöpfe nicht ins Ausland zu schicken; hier wäre das Sprichwort sehr am Platze: „ Bleibe im Lande und nähre dich ehrlich. " Ein Hütekinderverein ist nicht imstande, alle Gefahren, die den Kindern drohen, hintanzuhalten. Diese kulturgeschichtliche Rarität soll gänzlich aus der Welt geschaffen werden. Die Namen Sklaverei und Leibeigenschaft sind viel zu gelinde; der Ausdruck „ Kindermarkt " spricht ganze Bände, denn die. armen Kinder werden buchstäblich wie eine Ware zu Markte geführt und verkauft.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 10. April 1912, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9018-kritik-an-der-einrichtung-des-kindermarktes-im-schwabenland-1912).

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