Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STREIK UM MEHR ZEIT ALS UM MEHR LOHN

Stellungnahme der Tischlergenossenschaft zu den Berichten über den Streik

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 5. Oktober 1912 · Seite 20 · #Streik und Unruhen
Seite 26. Nr. 22Y. Zum Tischlerstreik in Innsbruck. Um den vielen gehässigen Angriffen der Volkszeitung betreffs des Tischlerstreikes entgegen zu treten, sieht sich die Genossenschaft der Tischler Innsbrucks zu einer Aufklärung der Situation durch die Presse veranlaßt. Die vielen unrichtigen Dinge, welche von Seite der Organisation in deren Presse den Meistern zum Vorwurf gemacht werden, zwingen Gefertigte die Kampfesweise der betreffenden Partei und den wahren Sachverhalt der Öffentlichkeit bekannt zu geben. In der Volkszeitung wird stets der Streik als ein reiner Lohnkampf dargestellt. Demgegenüber stellt Gefertigte fest, daß es den Arbeiterführern weniger um eine Lohnforderung zu tun ist, sondern vielmehr um eine neuerliche Verkürzung der Arbeitszeit, vollständige Abschaffung der Akkordarbeiten, sowie Einflußnahme der Führer in die Geschäfte der Meister. Da das Verhandlungs - Komitee der Meister ber einer gemeinsamen Besprechung mit dem Gehilfenausschuß vor dem Streike die Überzeugung erlangte, daß die Organisation an den gestellten Forderungen unbedingt festhalle, wurde an die Arbeiterschaft ein Ultimatum gerichtet, worin die Verkürzung der jetzigen 9 ständigen Arbeitszeit und Abschaffung der Akkordarbeiten abgelehnt, hingegen in punkto Lohn das weitgehendste Entgegenkommen gezeigt wurde, indem eine 7 bis 8 ° /oige Lohnaufbesserung zugestanden wurde, trotzdem die Stundenlöhne in den letzten 6 Jahren über 20 % gestiegen waren. Die Folge war das Eintreten der Arbeiterschaft in den Streik. Bei den hierauf in Gegenwart eines Vertreters der Gewerbebehörde stattgefundenen Verhandlungen wurde von den Vertretern der Gehilfenschaft erklärt, an den gestellten Forderungen unbedingt festzuhalten. Ja, ein Gehilfenvertreter ließ sich sogar hrnreißen zu erklären: die Organisation der Arbeiterschaft werde solange kämpfen, bis der Achtstundentag erreicht sei; es werde einmal nur mehr 6 Stunden gearbeitet werden, denn bei jeder Lohnbewegung müsse die Arbeitszeit verkürzt werden und zwar sei dies ein Pro- .grammpunkt der Organisation. Hiezu sei bemerkt: Die Arbeitszeit im Tischlergewerbe betrügt 9 Stunden und ist die kürzeste im Baugewerbe. Eine neuerliche Verkürzung derselben würde dem Arbeiter keinen Nutzen bringen, sie hätte lediglich die Verteuerung der Erzeugnisse zur Folge. Die Vergebung von Arbeiten in Akkord ist für den Meister das wichttgste Mittel, sich gegen die auswärtige Konkurrenz zu behaupten. Übrigens wird dem Arbeiter gerade durch die Akkordarbeit die Möglichkeit gegeben, soviel zu verdienen, als seinem Fleiß und seiner Tüchtigkeit zukommt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. Oktober 1912, S. 20, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9110-stellungnahme-der-tischlergenossenschaft-zu-den-berichten-ueber-den-1912).

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