Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
DIE TRAGÖDIE LEBT IM VOLKSTHEATER

Fünfzigster Geburtstag des Dichters Franz Manewitter aus Nassereith

Zum 17. Dezember 1912. Ein Dichterleben vollendet heute sein 50. Jahr, ein lebendiges Leben, Franz Manewitter — foferne Saft aus nie vergeudeter Scholle und Licht aus nimmer gesch euter Sonne, so ferne nie zerrissene Versponnenheit mit jedem P,lanzenseelchen aus der eigensten Erde des Volkes, soserne unmittelbare Urkraft und Rumor und Sturm einer Dichterbrust im Blühen des wirklichen Menschenfrühlings und segnend Fegen mit Winters Rauhnächten Leben sind. Franz Manewitter, der seit dem Einakterzyklus als der stärkste und unmittelbarste deutschösterreichische Tragödiendichter gilt, wurde am 17. Dezember 1862 zu Nassereith am Fernpasse geboren. Das Paar, das ihn gezeugt, strotzte seine Adern mit wunderbaren Gütern: mit der Gesundheit des Körpers, welche einem Geschlechte Inne sein muß, das mehr als ein halb Jahrtausend nachweisbar aus derselben Scholle steht — und mit jener unfaßbaren Kultur, die das deutsche Bauerntum, insbefonders das Tiroler Bauerntum, aus seiner Scholle auffaugt, solange es ihr treu bleibt und treu geblieben ist, der Ureiche gleich. Wenn auch der physisch arme Boden allein die Geister von Kranewitters Vordern nicht erfüllt haben mag, diente er ihnen immerfür als sittliches Fundament und gab ihnen allein den Saft, gegen Licht und Sturm zu sprossen. Darum sind sie schon im 16. Jahrhundert nebenzu Weber, Färber, stehen in Verbindung mit den deutschen Kultur und Handelszentren, als Augsburg, Frankfurt; ziehen bis in die Zeit heraus über ihre Ackerfurchen alle Schaffenswege, zuweilen auch als Knappen und Zöllner, aus und ein, und bleiben doch immerzu unverwälscht in ihrem Bauerntume; geben den Mittelpunkt der Gemeinde in Schutz und Trutz, führen deren Händel gegen Unrecht und alle Führ, setzen ihre Dokumente und Briefe, kommen in ernsten Zeiten an der Spitze jener, für welche das „ Phantom " Vaterland im Urgründe noch Um und Auf ist; d a steht Kranewitters Großvater als Hauptmann der Kompagnie an der Seite Haspingers und erwirbt sich die Goldene Medaille, so holt sich der Vater 1859 als Leutnant das Zeichen der Ehre und Tapferkeit. Also wächst Kranewitter in einem Hause heran, das die Achse des geistigen Lebens des Dorfes ist.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. Dezember 1912, S. 1, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9164-fuenfzigster-geburtstag-des-dichters-franz-manewitter-aus-nassereith-1912).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Literatur, Theater & Musik“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |