Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
ERDE ALS KUNSTWERK IM GANZEN MENSCHEN

Ehrenvolle Würdigung des Triptychons „Erde“ durch die Weser-Zeitung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 11. Juni 1913 · Seite 19
Seite 19. Kunst. (AlLin Egger - Lienz.) Auf der Düsseldorfer Kunstausstellung befindet sich auch Albin Egger - Lienz ' berühmt gewordenes Triptychon „Erde ". Wir hatten erst kürzlich Gelegenheit, einen Auszug aus der „ Frankfurter Zeitung" über seine Werke und künstlerische Gestaltungskraft zu bringen und können heute eine ebenso ehrenvolle Würdigung der in Bremen erscheinenden „ Weser - Zeitung " anfügen. Sie schreibt unter dem 23. Mai: Hier hat die Malerei den großen Schritt gewagt, sich durch einen ■ starken und bedeutungsvollen inneren Gehalt wieder an das Ganze der menschlichen Natur zu wenden, anstatt wie der naturalistische Impressionismus mit seinem L ’ art pour l ’ art* Prinzip nur an den optischen Sinn. Diese Malerei ist nicht mehr lediglich ein „ Fest für das Auge ", ein „ Schmuck der Wand ", sondern sie wendet sich an den ganzen Menschen mit all seinen durch die Sinne gewonnenen inneren Beziehungen und Lebensbewußtheiten. Wir erkennen angesichts eines solchen Werkes, daß Egger - Lienz Recht hat mit seiner Ansicht, daß einzig und allein die innere Notwendigkeit, der starke innere Lebensdrang des Künstlers zum Monumentalen führen kann. Monumentalität erscheint uns hier identisch! mit Ursprünglichkeit, Neuzeugung und einer gewissen jugendliche männlichen Herbheit. Jegliches Raffinement und artistisches Geschmäcklertum ist gänzlich ausgeschlossen; hingegen eine Sparsamkeit der koloristischen Mittel bevorzugt, die fast an Nüchternheit, um nicht zu sagen an Askese grenzt. Die stark bewegten charaktervollen Gestalten, die bei aller Betonung des geistigen Gehaltes und bei allem Negieren rein dekorativer Reize, doch auf die angekürzte Formel des impressionistischen Ausdrucks gebracht worden sind, gemahnen an Menschen Meuniers und van Goghs, doch nur durch! eine gewisse geistige Verwandtschaft, denir es find, wie jene, Gestalten von eigener Prägnanz, aus dem Naturleben hineingewachsen ins Kosmische, es sind Taten eigenster Schöpfung! Man denkt bei diesem Triptychon wohl an Verhaerens „ Hymnus an die Arbeit " oder Lissauers majestätischen Sang. So versinnbildlicht uns Egger - Lienz die Hoffnung, daß wir auf dem von ihm betretenen Grunde einstmals die erntelichen Fluren erwachsen, sehen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. Juni 1913, S. 19, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9326-ehrenvolle-wuerdigung-des-triptychons-erde-durch-die-weser-zeitung-1913).

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