Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KEIN MITLEID, MEHR SPENDEN

Neue Karten zur Bekämpfung des Hausbettelns und Unterstützung des Armenfonds

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 24. Juni 1874 · Seite 4 · #Bettler
(Zur Armenpflege.) Von der hiesigen Armendirektion werden gegenwärtig an alle Jene, welche freiwillige Beiträge zum städt. Armenfonde gezeichnet haben, Karten versendet, die sowohl als Legitimation für die Zeichnung eines Beitrages, sowie — an die Wohnungsthüre angeheftet — als Schild gegen den ebenso demoralisirenden, als lästigen Hausbettel dienen sollen. Die Karten tragen nebst der Nummer der Subscriptionsliste und der Bezeichnung der betreffenden Wohnung die Aufschrift: „ Deni Armen Freund, dem Bettel Feind. Bettler werden hier abgewiesen. Dafür wird zum städtischen Armen fonde beigesteuert. " Die Direktion ersucht, die Karten an die betreffenden Wohnungsthüren anzuheften und begleitet dieselben mit folgenden beherzigens werthen Worten: „ Durch die Subscription von Beiträgen zum städtischen Armenfonde und durch diese Karten soll ein doppelter Zweck erreicht werden! Es soll erstens der städtischen Armenpflege durch diese freiwilligen Beiträge ihre Aufgabe, wahrhaft würdige Arme ausgiebiger zu unterstützen, als es bei den seitherigen beschränkten Mitteln der Fall war, erleichtert, und zweitens dem professionsmäßigen Hausbeltel gesteuert werden, der hier zumeist noch immer lohnender und unter allen Umständen bequemer ist, als ehrliche Arbeit, und der um so verwerflicher erscheint, als er, eine wahre Schmarozerpflanze, die für ihn verwendeten Spenden der verschämten Arniuth entzieht; denn die von Haus zu Haus, von Treppe zu Treppe anklopfenden Bettler sind, so sehr sie auch oft Mitleid und Erbarmen zu erregen verstehen, nicht die ärmsten unter den Armen: die wirkliche Armuth zeigt sich nicht ohne äußerste Roth auf der Straße! Die dem Hauöbettel bisher hier von mildthätigen Händen gereichten Gaben sollen jedoch durch Abschaffung jener demoralisirenden Unsitte nicht den Arnien entzogen, die Privatmildthätigkeit der Bewohner Innsbrucks soll nicht beschränkt werden, die gefertigte Direktion will nur dadurch, daß sie diese Sub scriptionen eingefnhrt hat, die einzelnen kleinen Gaben, die bisher dem von Thür zu Thür anklopfenden Bettler verabreicht wurden, und somit in schlechtberathenem Wohlthätigkeitssinn zu Gunsten der mit dem Bettel verbundenen gesellschaftlichen Uebel flössen, in einen Kanal zum Segen der wirklichen Armuth leiten. Die Karte soll aber als Schild gegen den zudringlichen Bettel dienen, den unbedingt zurückzuweisen die gefertigte Direktion hierniit dringend ersucht; denn nur auf diese Weise und dadurch, daß die unermüdlichsten der hiesigen Bettler zur Anzeige gelangen, kann es möglich werden, den hier im Vergleiche zu andern Städten wuchernden Hausbettel nach und nach auszuroden.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. Juni 1874, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3355-neue-karten-zur-bekaempfung-des-hausbettelns-und-unterstuetzung-des-1874).

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