Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
POLITIK IM GOLDENEN LÖWEN

Socialdemokratische Wählerversammlung im goldenen Löwen mit Redebeiträgen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 27. Februar 1891 · Seite 5 · #Sozialisten
(Wählcrversammlung.) Die gestern anlässlich der bevorstehenden Reichsrathswahlen beim „ goldenen Löwen " hier vom socialdemokratischenWahl- C o m i t 6 einberufene Wählerversammlung war in Anbetracht des Raumes gut besucht und nahm einen sehr ruhigen Verlauf. Den Vorsitz übernahm auf einen Vorschlag aus der Mitte der Anwesenden Hr. Lackierer Christoph Hummel. Derselbe betonte in seiner Eröffnungsrede die Berechtigung der Socialdemokratie, die eine Zukunft habe; jedoch werde man sich mäßigen müss n. Er gehöre noch der liberalen Partei an und könne sie nicht so bei Seite schieben, vieles habe man ihr zu verdanken Socialdemokratie und Liberalismus haben nach Ansicht des Redners manches gemeinsam, vor allem gemeinsame Feinde, die dunklen Mächte. Wenn diese bekämpft sind, schloss er, dann können wir uns bekämpfen. Nach Hrn. Hummel ergriff Hr. Holzhammer das Wort, um in gewandter und maßvoll gehaltener, 2stündiger Rede die socialdemokratischen Principien zu verfechten. Die Socialdemokratie müsse bei den Wahlen als eigene Partei auftreten. Am wenigsten könne könne sie mit den Clericalen marschieren. Die liberale Partei brach wenigstens eine Lanze für die Volksbildung, aber sonst sei der heutige Liberalismus nicht mehr der alte. Bezüglich der vielfach gespaltenen Deutschnationalen und Antisemiten wisse man nicht, was sie wollen. Die „ Jnnzeitung " habe ihn auf eine diesbezüglich früher gemachte Bemerkung auf das Bismarck ' sche Programm verwiesen. Der Redner erläuterte dann die socialdemokratischen Forderungen, als da sind vor allem allgemeines direktes Wahlrecht, Abschaffung der indirecten Steuern, Einführung einer progressiven Einkommensteuer, Festsetzung eines Existenzminimums, Pressfreiheit, freies Vereinsrecht, obligatorischer unentgeltlicher Unterricht an allen Volksschulen, Beistellung der Unterrichtsmittel vom Staate, Speisung der armen Schulkinder durch den Staat, Uebertragung sämmtlicher Unterrichtskosten von den Gemeinden auf den Staat, unentgeltlicher Unterricht in allen Mittel und Hochschulen, unentgeltliche Rechtspflege, Reform der Gewerbegesetzgebung. Beschränkung der Arbeitszeit, Sonntagsruhe, Ablösung der Hypothecarschulden durch den Staat. Verstaatlichung der Eisenbahnen, des Berg und Hüttenwesens, Erleichterung der Militärlasten, Aufhebung der stehenden Heere,
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 27. Februar 1891, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5413-socialdemokratische-waehlerversammlung-im-goldenen-loewen-mit-1891).

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