Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GEFÄNGNIS IN KUFSTEIN FÜR EINE REVOLUTIONÄRIN

Leben und Ehrgeiz einer Hofdame im Dienste der Diplomatie

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 17. August 1892 · Seite 6
W. 58 55 100 ital. Lire B. - N 45 60 Eine Staatsgefangene auf Schlafs Kufstein. i. Dass am Hofe Ludwig XIV. eine Art Nebenregierung von Günstlingen und Gunftdamen bestand, welche einen unheilvollen Einfluss auf die Staatsgeschäfte ausübte, darf als bekannt vorausgesetzt werden und ist soeben wieder durch die Veröffentlichung der vertraulichen Correspondenz des österreichischen Botschafters am damaligen französischen Hofe Grafen von Mercy - Argenteau mit Kaiser Joseph II. und seinem Kanzler Fürsten Kaunitz - Rittberg, enthaltend eine Menge intimer Vorgänge und noch unenthüllter Thatsachen in das denkbar deutlichste Licht gesetzt worden. *) Der großen Camarilla am Hoflager des Königs, der nach einem Urtheile Josephs II. keinen schlechten Verstand, ein gutes Herz, aber einen schwachen Willen besaß, glaubten die übrigen Mächte am wirksamsten dadurch zu begegnen, dass sie derselben ihre kleinen Conventikel von bezahlten Ausspähern und geriebenen Ränkeschmieden entgegensetzten. Jede Gesandtschaft hatte damals eine Anzabl von Considenten in Sold, und man betrachltte es als nothwendiges Hebet, dass ein verlässlicher Diplomat mit einer oder mehreren Favoritinnen Beziehungen unterhalte, um durch deren Spürsinn hinter die Schliche und Geheimnisse der höfischen Politik zu kommen. Der Ehrgeiz geistig begabter Frauenspersonen, in dieser Komödie der Täuschungen und Ueberlistungen eine Rolle zu spielen, hatte damals eine ungeheuere Triebkraft. Tragödinnen, Sängerinnen, Schriftstellerinnen bildeten sich darauf etwas ein, in den Geheimlisten der Diplomatie als Affiliierte zu figurieren und einander in der Trugkunst zu überbieten. Die natürliche Folge hiervon war das gegenseitige Misstrauen, die vollständige Fälschung der Gesinnungen und Gefühle, so dass man schließlich nur die Wahrheit sagen durfte, um sicher zu sein, dass sie nicht geglaubt wurde. Eines von diesen Frauenzimmern, die den Ehrgeiz besaßen und wohl auch das Talent, auf dem damaligen Welttheater eine Rolle zu spielen, war Anna Josephine Theroigne. Sie wurde am 13. August 1762 zu Marcourt, einem Dorfe in der Provinz Luxemburg, geboren.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 17. August 1892, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5618-leben-und-ehrgeiz-einer-hofdame-im-dienste-der-diplomatie-1892).

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